Hatespeech: Wenn ein 47-seitiger Artikel den tatsächlichen Dimensionen nicht gerecht wird

Der Longread über Hatespeech von René Walter ist zwar ein beeindruckender und interessanter Text über Diskussionskultur, aber wenig differenziert, da er Opfer und auslösende Strukturen verallgemeinert und lieber über die „ethisch-technischen Prozesse“ spricht.

Leider wird im Text über konkreten Erfahrungen mit Hassbotschaften sehr wenig gesprochen und die Wirkung auf die Betroffenen mit einem Einschub abgehakt:

Ich möchte dem hinzufügen, dass dies explizit nicht für Kriminelle gilt, die ausdauernd extremste Drohungen verschicken. Grade für Feministinnen im Netz ist das aus oben genannten Gründen, gelinde gesagt, ein echtes Problem. Ich denke allerdings, dass die Extreme ihre Ursachen zumindest teilweise ebenfalls in den von mir beschriebenen Phänomenen haben. Die Unterscheidung zwischen Kriminellen und Trollen halte ich allerdings für einen von vielen essentiellen Punkten.

In diesem Zusammenhang hatte Charlott Schönwetter bereits im Mai gewarnt, dass der Begriff „Hatespeech“ schnell „entpolitisiert verwendet werden kann. Dann wird plötzlich über die ‚Debattenkultur‘ im Internet diskutiert und nicht mehr über Macht- und Diskriminierungsverhältnisse.“

Ausführliches Material zum Thema Hatespeech mit Erläuterungen, Beispielen und Empfehlungen findet man übrigens bei der Amadeu-Antonio-Stiftung. Bemerkenswert ist auch die Platform hatr.org, die Hass- und Trollkommentare sammelt.


UPDATE am 02.07.2015, 15:45 Uhr: Philippe Wampfler kritisiert an „There Will Be Blood“, dass René Walter auf Debatten zurückgreift, „die längst viel differenzierter geführt worden sind“ und dass er „damit wesentliche Beiträge von Expertinnen zu Themen wie »Hate Speech« und Gamergate“ ignoriert:

Die Vermutung, dass in Debatten eine Polarisierung entsteht, ist letztlich so trivial und nichtssagend wie die Behauptung, die Diskussionskultur sei online eine viel radikalere als – Achtung, Jargon! – im »Meatspace«. Da entwickelt René Walter einen reaktionären digitalen Dualismus, der wenig bringt. Als ob es offline keine polarisierenden Debatten gäbe.


UPDATE am 02.07.2015, 18:25 Uhr: Aufgrund des Textes von René Walter hatte Lucie Höhler die Beschreibung „tm;dr“ eingeführt. Die laut Google weltweit erste Erwähnung einer Abkürzung, die analog zu „tl;dr“ für „too male, didn’t read“ steht. Zwar eine clevere Idee, für mich jedoch etwas befremdlich: Frauen, die an anderer Stelle gegen die Diskriminierung aufgrund des Geschlechts kämpfen, lehnen es also wegen dem Geschlecht eines Autors ab, seine Texte zu lesen? Die Kritik an der „männlichen Perspektive“ kann der Begriff ja nicht meinen, denn das würde ja voraussetzen, den Text gelesen zu haben.


UPDATE am 02.07.2015, 18:30 Uhr: René Walter hört der Kritik seit gestern übrigens aufmerksam zu und reflektiert seinen Text:

Er plant wohl ein Update:

Vielleicht gibt es auch noch einen Gastbeitrag aus einer anderen Perspektive:


UPDATE am 02.07.2015, 18:50 Uhr: Ich habe den Titel des Posts von „Lesetipps zum Thema Hatespeech: Walter, Schönwetter, Amadeu-Antonio-Stiftung, Hatr.org“ zu „Hatespeech: Wenn ein 47-seitiger Artikel den tatsächlichen Dimensionen nicht gerecht wird“ geändert. Die 47 Seiten werden bei mir angezeigt, wenn ich bei „There Will Be Blood“ die Druckfunktion benutze.

UPDATE am 02.07.2015, 22:00 Uhr: Den Hinweis auf Hatespeech beim Tagesspiegel habe ich entfernt, da er mit dem Text von René Walter direkt nichts zu tun hat.

UPDATE am 03.07.2015, 09:00 Uhr: Anne Wizorek möchte „keine Debatte, die Machtstrukturen ignoriert“. Kritisch merkt sie an, dass Leute (wie René Walter?) zwar wohl die Attacken auf Feministinnen kennen, aber nicht darauf verlinken. Man solle „nicht einfach nur schreiben ‚Ich weiß, dass Feministinnen viel abkriegen‘, sondern konkrete Beiträge“ liefern. Die Debatte sei „eigentlich schon viel weiter“.

UPDATE am 03.07.2015, 10:15 Uhr: Yasmina Banaszczuk kritisiert an René Walters Text die „Gleichsetzung von organisiertem Hass mit individuellen Kompensationshandlungen Betroffener“, das komplette Ignorieren von „ganzen Jahren politischen, aktivistischen und geschriebenem Engagement“, „schlichtweg falsche Stellen im Text“ und „eine selektive Verlinkung selektierter Quellen, die aber vorgibt umfassend bzw repräsentativ zu sein“. In Kurzform: „Die Pseudo-Differenzierung führt zur Gleichsetzung von Hate Mobs und den Reaktionen der Betroffenen.“

Als weiterführende Links und Beispiele für bessere Inhalte zum Thema Hatespeech nennt Banaszczuk die bereits von mir erwähnte Amadeu-Antonio-Stiftung, die Republica-Vorträge von Anne Wizorek, den Artikel „Die Gewalt der Gamer“ und einen eigenen Text auf iRights.info.

Letzterer trägt den Titel „Feminismus und Spieleindustrie: #Gamergate und die Folgen“ und geht die Geschehnisse um Gamergate rückblickend durch. Banaszczuk erwähnt Abwehrmöglichkeiten für Betroffene und fordert eine dringende Diskussion darüber, „wie mit Gewalt im Netz gegen Personen aufgrund ihres Geschlechts, ihrer Herkunft oder anderer Merkmale umgegangen werden soll“.

Auf die Frage von Johnny Haeusler, ob es nicht sinnvoll wäre, dem Text von René Walter „eigene Posts entgegenzusetzen“, reagierte Banaszczuk zögerlich. Einerseits aus Zeitgründen, weil sie gerade an ihrer Dissertation schreibt, andererseits aber auch aufgrund der Befürchtung, das dann „was Schlimmes passiert“.

Die traurige Ironie ist, dass durch Yasmina Banaszczuks Zögern, mit einem eigenen Blogpost gegenzuhalten, die Dimensionen verdeutlicht werden, die bei René Walters Longread gar nicht thematisiert werden: Dass nämlich einzelne Personen und Gruppen unter besonderer Beobachtung stehen und aufgrund der Machtverhältnisse befürchten müssen, dass „etwas Schlimmes passiert“, wenn sie sich zu den Themen Hatespeech und Gamergate lautstark äußern. Und dass diese Sorge eben nicht aus einer Paranoia resultiert sondern aus langjährigen persönlichen Erfahrungen und intensivem Kontakt mit anderen Betroffenen.


UPDATE am 03.07.2015, 11:00 Uhr: Ich muss um Entschuldigung bitten, denn ich habe Yasmina Banaszczuks Tweet und ihre Aussage „es wird wieder nur darum gehen ‚was schlimmes passiert'“ falsch interpretiert. Frau Yasmina Banaszczuk stellt klar, dass sie „keine Angst [hat], dass was schlimmes passiert“, wenn sie dazu bloggt, sondern dass es nur darum geht, „was (uns) schlimmes passiert“ (also was für Hate Speech Erfahrungen wir haben)“. Das sei eine Befürchtung, die sie habe, „jedoch kein Grund für mich den Text nicht zu schreiben.“ Mein eigener Tweet hat ihre Befürchtung nochmal bestärkt und das tut mir sehr leid.


UPDATE am 03.07.2015, 14:00 Uhr: Frau Banaszczuk hat nun einen eigenen Blogpost veröffentlicht. Ich möchte hier nicht daraus zitieren sondern den Text Ihnen einfach vorbehaltlos weiterempfehlen. Lesen Sie ihn, denken Sie darüber nach und ziehen Sie Ihre eigenen Schlussfolgerungen für Ihr zukünftiges Handeln! Ich jedenfalls habe es getan.

UPDATE am 08.07.2015, 12:00 Uhr: René Walter hat die Anmerkungen und Kritik an seinem Text gesammelt und kommentiert sie ausführlich in einem weiteren Blogpost. Er bedankt sich für die friedliche und sachliche Debatte.

Der „Winkejournalismus“ der F.A.Z. auf Periscope

Während die Queen in Frankfurt weilte und F.A.Z.-Herausgeber Werner D’Inka am Bankett teilnahm, mischten sich zwei Mitarbeiter unter das wartende „Volk“ und filmten mit Periscope. Ein Videojournalismus-Experiment, das einige Fragen aufwirft.

[Geschnittene Version (7:05 min). Das Original-Video (23:30 min) ist nicht mehr verfügbar, da alle Periscope-Streams 24 Stunden nach Ausstrahlung automatisch gelöscht werden.]

14:36 Uhr 
Andreas Krobok (AK): Wir sind live, ne? Ich kann ja schonmal anfangen zu kommentieren. Die ersten 19 haben sich schon zugeschaltet. Neben mir steht auch der Franz Nestler. Franz, sag mal Hallo!
Franz Nestler (FN): Hallo!
AK: Ich bin der Andreas Krobok. Und wir freuen uns jetzt auf die Queen in FFM.

Darf ich da gleich mal unterbrechen? Die F.A.Z. bietet hier also eine Liveübertragung des Queenbesuchs in Frankfurt? Bemerkenswert.

Benötigt man dafür nicht eine Rundfunklizenz? Wenn ich das bei Nina DiercksTobias Röttger und auch beim Heise-Verlag [2,50 €] richtig lese, scheint das der Fall zu sein, wenn „mehr als 500 Personen zeitgleich auf das Angebot zugreifen können“.

Nun wäre das für die F.A.Z. ja nicht neu. Im Jahr 2000 hatte man schonmal eine bundesweite Lizenz für das FAZ-Business-Radio beantragt. Ich kann mich auch an eine Diskussion im Jahr 2010 erinnern, bei der es unter anderem darum ging, ob die Online-Angebote von Zeitungen eine Rundfunklizenz benötigen.

Ich vermute aber, dass der F.A.Z. für ihren Periscope-Auftritt noch keine Lizenz vorliegt. Und die entscheidende Frage ist dann: Hätten die Mitarbeiter die Übertragung abgebrochen, sobald die Zuschauerzahl 500 übersteigt?

Franz Nestler bei der F.A.Z.-Übertragung des Queenbesuchs

14:39 Uhr
AK: Wer will denn eigentlich mal den Franz sehen?
FN: Ich denke, das will niemand. 
AK: Doch. Doch. Hi Franz! 
FN: Hallo! (Schwenk auf den Kameraturm des HR) 
AK: Da oben sind die weitaus schlechter aussehenden Kollegen vom Hessischen Rundfunk 
FN: He he! 
AK: He he! Ha ha!

Man merkt: Hier geht es weniger um knallharten Journalismus sondern mehr um die Unterhaltung. Aber wieso auch nicht? Diese Freiheit kann man der F.A.Z. gerne zugestehen. Mal schauen, was sie daraus macht…

14:40 Uhr
AK: Ischa schreibt auch "Könnt ihr mal umschwenken?". Das machen wir jetzt mal. Ganz langsam.
(Schwenk nach hinten. Man sieht die Menschen hinter den Absperrungen und mehrere Polizisten.)
AK: Hier sind die ganzen Leute. Da winkt uns natürlich jetzt erstmal keiner.

So banal ein Kameraschwenk auch ist, in diesem Fall finde ich ihn interessant und notwendig. Mit dem Blick auf die Absperrungen und das Polizeiaufgebot bekommt der Zuschauer ein Gesamtbild des Ereignisses. Und der Schwenk zeigt, wo die Filmenden stehen: Eben nicht vorne im Pressebereich sondern dahinter, wo auch das Publikum steht.

14:43 Uhr
AK: For our english friends: We are now at the Römerberg at Frankfurt, Germany, where the Queen Elizabeth will…
FN: Maybe we should translate "Roman Hill". It's better as "Römerberg".
AK: "Roman Hill"? Yeah, maybe.

Anlass dazu waren die vielen englischsprachigen Kommentare, die fragten „Where is this?“. Man sieht hier einerseits, dass souverän reagiert wurde, andererseits aber auch, dass es mit Periscope möglich ist, ein internationales Publikum zu erreichen. Das ist in diesem Fall gar nicht so uninteressant. Denn wenn ich das richtig sehe, bietet FAZ.net bisher keine englischsprachige Version an wie zum Beispiel SPIEGEL ONLINE.

14:45 Uhr
AK: Für die Leute, die gerade nochmal gefragt hatten, wo denn hier der Pressebereich ist: Da wo wir hier stehen, da kann jeder hin. Der Pressebereich, man sieht hier ungefähr 15 Meter vor uns, da stehen so ein paar "Weißhemden" etwas erhöht. Das sind Kollegen von der Presse, die sich sozusagen akkreditieren haben lassen vorher und die haben jetzt gleich einen etwas besseren Blick auf die Queen. Die haben aber den Nachteil gegenüber uns, das sie nicht winken dürfen. (…) Ich meine, als Pressevertreter sollte man da jetzt nicht winken
…
AK: (liest Kommentare vor) Ja, "Winkejournalisten". Genau. Lügenpresse! (lacht)

Es finde es sehr gut, dass die Lage des Pressebereichs erklärt wird, da man dadurch einen Einblick hinter die Kulissen des „Schauspiels“ erhält. Dass überhaupt auf solche Kommentare eingegangen wurde, finde ich großartig. Man hätte das auch einfach ignorieren und weiter über das Outfit der Queen sprechen können. Möglicherweise war es sogar von vornherein das Ziel der F.A.Z., den „Zirkus“ von einem weiter entfernten Standpunkt aus zu beleuchten. Mit Periscope.

Was ich aber nicht verstehe: Wieso sehen sich Krobok und Nestler nicht selbst als Pressevertreter? Sie sind Mitarbeiter der F.A.Z. und streamen live mit dem offiziellen Account. Die sind doch nicht privat sondern für ihren Arbeitgeber unterwegs. Auch wenn sie vielleicht nicht offiziell akkreditiert sind, bleiben sie doch trotzdem Mitarbeiter eines Medienhauses.

14:48 Uhr
(Leute jubeln)
AK: Ah, da isse! Dürfen wir auch winken? Wir dürfen winken, oder?
FN: Wir dürfen winken, wir sind im Volk.
AK: Yeah! (…) Bouffier… genau… und Prinz Phillip 
(…)
AK: Juhuu! Yeah!

Bin ich der einzige, der das unangemessen findet? Ministerpräsident Bouffier und die Queen treten durch die Tür und die Mitarbeiter der F.A.Z. jubeln? Und das soll in Ordnung sein, weil man sich „im Volk“ befindet? Die Regel ist mir neu. Winkt man dann auch bei einem Wahlkampfauftritt der Kanzlerin – einem Event, bei dem oft auch Fähnchen geschwungen werden und gejubelt wird?

Das ist ganz bestimmt nicht mein Verständnis von einem journalistischen Berufsethos und von kritischer Distanz. Aber gut, ein Problem mit der fehlenden Distanz während dem Queenbesuch hatten auch andere.

14:51 Uhr
AK: Liebe Julia, im Büro. Wir sind halt aufgeregt hier draußen. (an FN gerichtet) Die Julia hat uns gerade ein bisschen zur Ruhe gemahnt. Sie ist halt im Büro, ne, und wir sind hier draußen und wir sind quasi live dabei, wo ja die Action stattfindet.
FN: Ich glaube Julia ist einfach eine Kostverächterin.

Aha, interessant. Da war ich also doch nicht alleine. Da gab es anscheinend aufgrund des Jubels eine Intervention von der „Regie“ aus der F.A.Z.-Redaktion, mit der die beiden Kollegen vor Ort verbunden sind.

Wir sprechen also durchaus von einem professionellem Videojournalismus: Zwei „Reporter“ vor Ort und eine „Regie“ im Hintergrund. Wer hätte das von der F.A.Z. erwartet? Naja, ganz verwunderlich ist es nicht. Immerhin war Andreas Krobok jahrelang Leiter Audio/Video bei dpa-AFX.

Kollegin von Antenne Bayern

14:52 Uhr
AK: Hier ist jetzt ne Kollegin von Antenne Bayern
(Junge Frau kommt ins Bild)
AK: Hallo! Du bist live drauf, ne?
Kollegin: Live nicht!
AK: Doch! Hier ja. 
Kollegin: Achso, ich bin live drauf?
AK: Ja, live auf F.A.Z.! Liest du die F.A.Z.?
Kollegin: Natürlich lese ich die F.A.Z.
AK: Auch in München?
Kollegin: Ja, bin ja selber Journalistin.

Lustig: Die Kollegin vom Radio dachte erst, „Du bist live drauf“ sei als Frage an sie gerichtet, dabei wurde sie (korrekterweise!) darüber aufgeklärt, dass sie gerade selbst live zu sehen ist. Weltweit. Von allen, die der F.A.Z. auf Periscope folgen.

14:56 Uhr
AK: Welches Medienhaus wir sind? Wie kann man das nicht wissen? Achso. Es gibt auch Leute, die nur über Periscope kucken, ne? Also: Wir sind vom Medienhaus F.A.Z.. For the english ones: This is Frankfurter Allgemeine Zeitung. Maybe the best newspaper in the world.
FN: Yeah. Why say maybe.
AK: Probably. Ja, ist probably.
FN: I've kind of wondered.
AK: I mean yes. It is. Also es gibt natürlich viele jüngere Leute, die die Frankfurter Allgemeine Zeitung noch nicht für sich entdeckt haben. Aber letztlich ist das eine Frage der Zeit.

Ok. Das ist natürlich ein peinliches Eigenlob. Es zeigt aber, dass die F.A.Z. ihren Periscope-Auftritt wohl auch als Marketing in eigener Sache versteht. Aber wenn man in Zukunft professioneller auftreten und das Videostreaming ernster nehmen möchte, sollte man sich selbst nicht als „die beste Zeitung der Welt“ bezeichnen.

14:58 Uhr
(Schwenk über die Menschen im Publikum)
AK: Kucken schon auch alle ein bisschen… Ich will jetzt ja auch nicht alle zeigen… obwohl wir sind ja jetzt auch auf einem öffentlichen…
(Fokus auf einen Mann, der in der Menge steht und mit neutralem Gesichtsausdruck nicht nach vorne sondern ganz woanders hinschaut)
AK: Kuck mal er hier zum Beispiel… Er kuckt auch schon ein bisschen… (atmet laut ein)
FN: Ja, dauert auch alles zu lang.

Der Fokus auf einzelne Personen im Publikum ist natürlich heikel. Da man das Recht am Bild respektieren muss und ein Einverständnis der Personen vor dem Filmen benötigt, kann das spontane Videostreaming rechtlich schwierig werden. Andreas Krobok wollte hier wohl „Wir sind ja jetzt auf einem öffentlichen Platz“ sagen und zeigt damit das nötige Bewusstsein für dieses Thema. Beim Besuch der Queen in Frankfurt kann man meiner Meinung nach sogar von einem Ereignis der Zeitgeschichte sprechen. In so einem Fall benötigt man kein Einverständnis der gefilmten Personen.

Man sieht aber, dass es beim Videostreaming nicht reicht, nur die Kamera ruhig zu halten. Während es den meisten beim Thema Periscope nur darum geht, ob man damit kostenlos Fußball schauen kann, müssen sich die, die professionelle Videoinhalte produzieren möchten, mit vielen Fragen beschäftigen: Was darf ich filmen? Wen darf ich filmen? Was sind besonders geschützte Personen? Was sind besonders geschützte Lebensräume? Wann gelten Personen als „Beiwerk“? usw.

Und das sind nur die rechtlichen Fragen. Wenn man beginnt, auch noch über moralische Fragen nachzudenken, die vor allem bei Unfällen und Katastrophen eine Rolle spielen, merkt man: So einfach mit dem Videostreaming ist es dann doch nicht. Wenn man sich wirklich ernsthaft damit beschäftigen möchte, landet man am Ende bei den journalistischen und ethischen Grundsätzen, die bei einer Ausbildung zur Kamerafrau bzw. zum Kameramann vermittelt werden.

Hinzukommen weitere Anforderungen, die man bei klassischen Fernsehübertragungen so eigentlich nicht kennt. Bei Periscope sind Kommentar und Kamerabild nämlich untrennbar miteinander verbunden. Beides kommt in der Regel von derselben Person. Und als ob das nicht schon schwierig genug ist, wird von dieser Person auch noch erwartet, dass sie während der Liveübertragung auf die zahlreichen Kommentare eingeht und mehrsprachig darauf antwortet.

Es ist gerade der unverfälschte Livecharakter von Periscope, der das Einhalten von journalistischen und ethischen Grundsätzen enorm erschwert. Die Frage bei Periscope ist deshalb weniger, wie man den Einsatz für das Publikum möglichst interessant macht oder wie man diese neue Technik geschickt für das Marketing in eigener Sache verwendet, sondern vielmehr wie eine Qualitätssicherung unter Live-Bedingungen aussehen kann.


Ich glaube, was wir erleben ist erst der Anfang des massenhaften Videostreamings. Bestimmt arbeiten Periscope, Meerkat und andere schon an neuen Versionen, die mehr Möglichkeiten bieten. Zum Beispiel die Unterstützung von mehreren Kameras oder eine Zeitverzögerung, die Raum für „Korrekturen“ lässt. In naher Zukunft wird es sicherlich auch die ersten Paymentlösungen geben: Pay-per-view, Abomodelle, usw.

So ganz abwegig klingt die Prognose also nicht mehr, die davon ausgeht, dass in Zukunft die Mehrheit der Onlineinhalte aus Video besteht. Da ist es verständlich, dass Printmedien wie die F.A.Z. mit diesem Format liebäugeln und beginnen zu experimentieren.


P.S.: Ich hatte zunächst vor, der F.A.Z. zum Thema Periscope ein paar Fragen zu mailen. Da mir Andreas Krobok aber mitteilte, ich solle mich und das „Experiment“ nicht so ernst nehmen, habe ich darauf verzichtet. Denn obwohl ich den Periscope-Stream der F.A.Z. als Anlass nehme, geht es mir bei diesem Thema doch eher um allgemeinere Fragen und Antworten.


UPDATE am 01.07.2015, 12:00 Uhr: Während andere noch experimentieren nimmt man bei Axel Springer den Videojournalismus richtig ernst: Mit professioneller Grafik und Untertitelung, damit man auch ohne Ton schauen kann. Einen ersten Check gibt’s bei MEEDIA.

UPDATE am 01.07.2015, 12:05 Uhr: Für diesen Blogpost war ich übrigens – wie schon andere vor mir erfolglos auf der Suche nach journalistischen und ethischen Leitlinien von Rundfunkredaktionen, die im Internet öffentlich zugänglich sind. Während man bei der BBC eine ganze Microsite „Editorial Guidelines“ findet, liest sich der Konterpart beim ZDF wie Marketing in eigener Sache: „Effektivität bedeutet, Personal und Gebührengelder zielorientiert und verantwortlich einzusetzen (…) Das ZDF ist ein attraktiver Arbeitgeber“. Und bei der ARD findet man nur nichtssagende Berichte und ein PDF mit „Qualitätskriterien“, in dem einfach nur einzelne Begriffe auflistet werden. Hinweise auf vorbildliche Leitlinien aus Rundfunkredaktionen nehme ich deshalb gerne per Email entgegen. Vielen Dank schonmal im Voraus. :)

Wie Medien vergessen, ihre eigene Rolle in der politischen Inszenierung zu hinterfragen

Es ist nicht neu, dass sich Medien für die politische Inszenierung vereinnahmen lassen und vergessen, ihre Rolle dabei zu hinterfragen. Beim Besuch der Queen in Deutschland wurde nun aber erneut deutlich, dass hierfür das nötige Bewusstsein fehlt.

Wer Florian Gathmann auf Twitter folgt, war über den Besuch der Queen bestens informiert. So lernte man alles über den Rasen…

…das Ein- und Aussteigen…

…und das Posieren für Fotos:

Doch die wirklich wichtigen Details erfuhr man erst heute morgen, als Gathmann ausführlich über seine gestrige Teilnahme am Staatsbankett berichtete. Als Teil einer ganzen Menge „sehr festlich gekleideter Menschen“ saß er „unter den vier Kronleuchtern im Großen Saal von Bellevue“. Das Vier-Gänge-Menü war „vorzüglich im Schloss, vor allem der Nachtisch“. Und „auch die musikalischen Einlagen überzeugten.“

Gelegenheit für kritische Fragen? Zum Beispiel zum Streit um die Flüchtlingsquote oder das EU-Referendum in Großbritannien? Immerhin war ja auch der englische Premier David Cameron anwesend. „Leider saß“ der Parlamentskorrespondent von SPIEGEL ONLINE „dann doch ein ganzes Stück entfernt“. Aufstehen konnte man ja nicht. Sie wissen schon: die Protokolle. An die müssen sich auch die Medien halten. Nicht auszudenken, wenn die Presse die politische Inszenierung durchbrechen und ihren zugewiesenen Platz verlassen würde.

Nun ist es wichtig, dass Medien solchen Ereignissen beiwohnen und die Geschehnisse dokumentieren. Doch wenn man keinerlei Gelegenheit für kritische Fragen und eine richtige journalistische Arbeit bekommt, wäre es dann nicht besser, aus der politischen Inszenierung auszubrechen und die Einladung zu einem Staatsbankett auszuschlagen?


Und es kommt noch schlimmer: In einem weiteren Artikel zum Queen-Besuch sieht es SPIEGEL ONLINE als seine journalistische Pflicht, ein offizielles Video der Bundesregierung nachzuerzählen. „Angela Merkel – rosa Blazer, schwarze Hose“ gäbe darin „die treusorgende Gastgeberin“. Die Szenen, so Autor Ansgar Siemens, hätten „einen ganz eigenen Charme“.

Der einzige weiterführende Link mit mehr Informationen: Der Tweet von Regierungssprecher Steffen Seibert mit dem offiziellen Video. Bereitgestellt vom gut bezahlten Social-Media-Team der Bundesregierung.

Doch diesem Link muss man gar nicht folgen. Denn damit sich jeder vom „Charme“ der Szenen überzeugen kann, ist das Video selbstverständlich auch auf SPIEGEL Online abrufbar. Aber natürlich ist hier eine 15-sekündige Werbung vorgeschaltet. Qualitätsjournalismus gibt es ja schließlich nicht umsonst.


In der Zwischenzeit reist die Queen weiter von Berlin nach Frankfurt. Der Römer ist bereits „abgesperrt, erste Fans sichern sich die besten Plätze“:

Unter den Fans auch hier: Journalisten.


UPDATE am 25.06.2015, 11:55 Uhr: Florian Gathmann ist während dem Bankett wohl doch aufgestanden und hat das Gespräch mit der Queen gesucht. Jedoch leider erfolglos: „Ich hätte ihr dafür auch gerne noch einmal persönlich meine Hochachtung ausgesprochen, aber irgendwie kam ich einfach nicht mehr an sie ran. Erst verwickelte sie der Hausherr auf dem Sofa in ein Gespräch, dann der Bundesaußenminister – und dann war es elf und alles schon vorbei.“

UPDATE am 25.06.2015, 12:00 Uhr: Auf SPIEGEL ONLINE gibt es einen anderen Artikel, der tatsächlich einige politische Äußerungen enthält, die während dem Bankett gefallen sind. Alle Zitate stammen jedoch aus einer DPA-Meldung, die auch unzählige andere Medien veröffentlichten, und sind anscheinend nicht das Ergebnis einer Arbeit der SPIEGEL-ONLINE-Redakteure vor Ort.

UPDATE am 25.06.2015, 14:00 Uhr: Rückblickend muss ich gestehen, dass mir die Überschrift zu allgemein geraten ist. Auch im Text spreche ich zu oft von „den Medien“, wenn ich doch im konkreten Fall nur SPIEGEL ONLINE meine. Ursprünglich hatte ich vor, noch weitere Medien zu erwähnen. Ich werde aber versuchen, das hier in den Updates noch zu ergänzen.

UPDATE am 25.06.2015, 22:45 Uhr: Etwas reflektierender berichtete Jörgen Camrath von der Berliner Morgenpost, der auch mal einen Schwenk auf die versammelte Presse wagte und sich selbst beim Filmen fotografierte.

UPDATE am 25.06.2015, 22:50 Uhr: Wann man als Journalist der Queen winken darf und wann nicht, erläuterte die F.A.Z. heute in Ihrem Periscope-Livestream. Meine „Live“-Medienkritik davon finden Sie hier: [von mir gelöscht]

UPDATE am 28.06.2015, 16:00 Uhr: In einem weiteren Blogpost habe ich mich ausführlich mit dem „Winkejournalismus“ der F.A.Z. beschäftigt: Ein Periscope-Experiment, das Fragen aufwirft.

UPDATE am 02.07.2015, 9:30 Uhr: Das Video aus dem Kanzleramt hatten auch noch andere Medien unkritisch übernommen, z.B. FOCUS Online und die Stuttgarter Nachrichten. Die Münchner Abendzeitung spricht von einem „netten Facebook-Video“ und die Hamburger Morgenpost war ganz begeistert von Kanzlerin Merkels „seltenen Kostproben ihres Englischs – mit leicht ostdeutschem Akzent. Charmant und warmherzig klingt das.“ Die WAZ lässt sogar unter den Tisch fallen, dass es sich um eine offizielle Aufnahme der Bundesregierung handelt, und spricht nur allgemein von einem „Twitter-Video“.

„In der Vergangenheit musste die Bundesregierung immer darauf hoffen, dass Journalisten ihre Sicht der Dinge transportieren“, schreibt Daniel Bouhs über die „Polit-Imagepflege“ der Bundesregierung. Beim Blick auf die zunehmende Häufigkeit von Quellenangaben wie „Foto: Facebook/Bundesregierung“ bekommt man jedoch mittlerweile den Eindruck, dass viele Medien nicht mehr kritisch sondern im Gegenteil dankbar den offiziellen Kanälen der Bundesregierung gegenüberstehen.

Die Social-Media-Strategie des Kanzleramts scheint voll aufzugehen.

Drei Punkte: Wie Anna-Mareike Krause mit dem Shitstorm hätte umgehen sollen

Eine Empörungswelle traf Anna-Mareike Krause als FAZ-Blogger Don Alphonso sie für eine Drohung verantwortlich machte, die gegen Ronja von Rönne gerichtet war. Die Reaktion von Frau Krause: Schweigen. Bis heute gibt es von ihr keine öffentliche Reaktion dazu. Wie sie meiner Meinung nach mit dem Shitstorm hätte umgehen sollen…

Sehr geehrte Frau Krause,

ich möchte Ihnen in drei Punkten erläutern, wie Sie meiner Meinung nach mit dem Shitstorm von letzter Woche hätten umgehen sollen:

1. Mitverantwortung eingestehen

Jeder Einzelne von uns kann heutzutage durch eine kleine Äußerung eine riesige Empörungswelle auslösen. Doch obwohl wir für die Beleidigungen und Drohungen am Ende dieser Welle keine Verantwortung tragen, sind wir für die Stimmung in einem gewissen Maße mitverantwortlich. Vor allem dann, wenn unsere auslösende Äußerung einen unsachlichen und diffamierenden Charakter hatte.

Eine solche Welle haben Sie selbst am 28.05.2015 ausgelöst: An diesem Tag tweeteten zuerst zwei Personen über Rönne und ihre Nomierung, jedoch ohne große Reichweite. Doch als eine Stunde später auch Daniel Doublevé dieses Thema aufgegriffen hatte, sind Sie wahrscheinlich darauf aufmerksam geworden, denn ihm folgen Sie auf Twitter. Während die Tweets von vier weiteren Personen ohne Wirkung verhallten, äußerten Sie sich das erste Mal abfällig über die Autorin und die Bachmann-Preis-Jury. Einige Minuten später setzten Sie nach. Diesmal mit effektvollem Bild und einer klaren Aussage:

Dies war der Tweet, der die Empörungswelle gegen Frau Rönne auslöste. In den Minuten danach retweeten dies zahlreiche Ihrer Follower, vor allem Personen, die selbst eine hohe Anzahl an Followern haben. Charlotte Obermeier und Fabian Weißbarth setzen sogar noch einen drauf: Kurz nachdem beide Ihren Tweet retweeteten, formulierten sie eigene Tweets. Im gleichen Duktus und ebenfalls mit effektvollen Bildern. Sie dienten Ihnen dadurch als Multiplikatoren und erhöhten die Reichweite der Empörungswelle.

Bei der Analyse der zeitlichen Abfolge wird klar: Sie sind hauptverantwortlich für den Shitstorm, der gegen Frau Rönne gerichtet war. Meiner Meinung nach sind Sie deshalb mitverantwortlich für die Stimmung gegen die Autorin.

Stehen Sie zu dieser Mitverantwortung!

2. Ausgestreckte Hand einschlagen

Obwohl Ronja von Rönne daraufhin zahlreiche Drohungen und Hassbotschaften erhielt und schockierend Ihren eigenen Blog deaktivierte, äußerte sie sich an mehreren Stellen deeskalierend als sich die Welle drehte:

Schlagen Sie die ausgestreckte Hand ein und stellen Sie sich gemeinsam mit Frau Rönne gegen Hetze, Drohungen und Hass, egal aus welcher Richtung und gegen welche Person auch immer. Diese klare öffentliche Aussage fehlt von Ihnen noch. Und nein, man kann nicht gelten lassen, dass Sie einen Tweet von einer anderen Person retweeteten, die Morddrohungen allgemein verurteilt. Auch deshalb, weil Sie wenige Minuten später einen anderen Tweet faven, der die konkrete Morddrohung in dem Fall verharmlost.

Bei der Hetze gegen Frau Rönne ging es übrigens nicht nur um die Drohung, die Don Alphonso thematisierte. Die Autorin erhielt auch noch zahlreiche andere Hassbotschaften (die ich hier nicht zitieren möchte). Ich hoffe nicht, aber ich vermute, dass Sie ebenfalls unschöne Nachrichten erhielten.

Eine gemeinsame Aussage gegen Hass hätte deshalb große Symbolkraft.

3. In der Sache standhaft bleiben

Gleichzeitig können Sie in der Sache selbstverständlich standhaft bleiben. Als Antwort auf die Bachmann-Nominierung von Frau Rönne wäre es meiner Meinung nach sowieso besser gewesen, wenn Sie ihre bisherigen Texte einmal gründlich auseinander genommen hätten – sprachlich und argumentativ. Zumindest hätten Sie die Argumente anderer Autorinnen zitieren können, die sich mit einzelnen Texten bereits ausführlich befasst hatten.

Womöglich wollten Sie mit Ihren Tweets ja auch nur dem Rat von Antje Schrupp folgen und „raus aus der Defensive“ gehen, wie sie ihn im Dossier „Emanzipation oder Backlash“ gibt. Das ist ja durchaus legitim. Ich sehe nur nicht, wie Ihre bisherigen Äußerungen dazu führen können, dass mehr „über politische Inhalte, Theorien und Vorschläge von Feministinnen diskutiert und gestritten wird“.

Durch einen sachlichen Beitrag könnten Sie die Debatte nicht nur aufwerten, sondern würden damit auch den Pöblern den Wind aus den Segeln nehmen. Sobald die Diskussion auf eine sachliche Ebene zurückgekehrt ist, würden sich alle weiterpöbelnden Personen automatisch disqualifizieren und schnell Unterstützer verlieren.

Für Ihren Beitrag ist es noch nicht zu spät! In den letzten Tagen haben auch andere sich nochmal ausführlich mit den Texten von Frau Rönne auseinandergesetzt. Und wer weiß, vielleicht gelingt es Ihnen sogar, aus der Brauchen-Wir-Noch-Feminismus-Debatte eine feministische Debatte zu machen. Wünschenswert wäre es.

Mit freundlichen Grüßen,

Annette Baumkreuz


Obwohl mein Blogpost an Frau Krause gerichtet ist, möchte ich hier klarstellen, dass ich sie zu keinem Zeitpunkt direkt angesprochen oder angeschrieben habe. Weder auf Twitter noch per Email oder über einen anderen Weg. Ob und wie sie sich dazu äußern möchte, entscheidet sie selbst. Für mich persönlich wäre es völlig in Ordnung, hierzu keinerlei Reaktion zu erhalten.

Es muss möglich sein, Empörungswellen zu analysieren und Schlussfolgerungen daraus zu ziehen, ohne dass infolgedessen Einzelpersonen belästigt werden. Ich bitte auch Sie, liebe_r Leser_in, dies zu beherzigen. Verzichten Sie bitte auf Hetze und Belästigungen. Bleiben Sie sachlich und fair. Sie tragen damit selbst zu einer Verbesserung der Diskussionskultur bei. Vielen Dank.

Zum Thema Krause./.Rönne plane ich keine weiteren Beiträge. Wenn Sie, liebe_r Leser_in, noch etwas hinzufügen möchten, nutzen Sie bitte die Kommentarfunktion unter diesem Artikel. Ich werde sie für eine Woche geöffnet lassen.



UPDATE am 21.06.2015, 16:50 Uhr: Die Tweets von Frau Krause, auf die ich im obigen Text verlinke, waren bis vor kurzem noch für Jeden öffentlich sichtbar, sind nun aber geschützt. Nur noch Follower, die von Frau Krause persönlich bestätigt wurden, können die Tweets sehen. Da ich bei einer Recherche grundsätzlich von allen Tweets und Webseiten Screenshots mache, wäre es mir möglich, die Links durch Bilder zu ersetzen, so dass die Tweets weiterhin für Jeden lesbar sind. Ich entscheide mich aber dagegen, weil ich Frau Krauses Entscheidung respektiere und ihr die Wahl lassen möchte, wer ihre persönlichen Äußerungen sehen darf und wer nicht.

Über das Zurückschlagen von Empörungswellen und eine seltsame Argumentation im Fall Rönne

Anstatt sich sachlicher Argumente zu bedienen, scheint es Mode zu sein, den Debattengegner durch Fürsprecher an den extremen Rändern zu diskreditieren. Bei der Diskussion um die Bachmann-Preis-Nominierung von Ronja von Rönne beherrschen beide Seiten diese fragwürdige „Argumentationstechnik“.

Von Anna-Mareike Krause liest und hört man viel Gutes und Kluges. Doch als die Nominierung von Ronja von Rönne für den Ingeborg-Bachmann-Preis bekanntgegeben wurde, verzichtete sie auf jegliche sachliche Argumentation, sondern suchte stattdessen Befürworter von Rönnes Texten am rechten Rand:

Obwohl sich Frau Rönne klar und deutlich von diesen rechten Gruppen distanziert und sich gegen die Kritik deutlich wehrt, bricht die Empörungswelle nicht ab. Hinweise, dass es sich dabei um einen klassischen Fall von „Guilt by association“ handelt, werden ignoriert und die Stimmen gegen Rönne werden immer lauter und extremer.

Als dann Antifa-Pfarrer Hans Christoph Stoodt zum Kampflied der Französischen Revolution ansetzt [Tweet wurde gelöscht], sehen viele darin eine eindeutige Morddrohung gegen Frau Rönne und eine neue Stufe der Eskalation.

Für Don Alphonso, FAZ-Blogger, ist dafür vor allem eine Person verantwortlich: Anna-Mareike Krause. Doch obwohl er ihr vorhält, „wegen einer nicht beeinflussbaren Verlinkung unter Hunderten eine Autorin und den Vorsitzenden der Bachmann-Jury in die Nähe von Rechtsradikalen zu stellen“, bedient er sich genau derselben Argumentationstechnik: Er stellt Frau Krause in die Nähe der Antifa, weil ihre Behauptungen von dieser Gruppe „ganz offen verbreitet“ werden.

Und er geht noch einen Schritt weiter: Obwohl Frau Krauses Twitterprofil eindeutig als privater Account erkennbar ist, bittet er die Pressestelle ihres Arbeitgebers tagesschau.de um eine Stellungnahme zu dem Fall. Ein Chef der entsprechend zuständigen Abteilung stellt überraschend klar: Dieser Account sei „privat“.

Ungeachtet dessen fordern in den Kommentaren die, die vor kurzem noch die Kündigung einer Autorin durch das Westfalen-Blatt verurteilten, nun von der ARD die Kündigung von Frau Krause. Natürlich.


Und die Rolle der Medien? Wird von Stefan Niggemeier berechtigterweise hinterfragt:

Ulf Poschardt von der WELT schreibt sich daraufhin in Rage, löscht aber dann doch einen seiner Tweets wieder.


Man kommt aus dem Staunen gar nicht mehr heraus. Immerhin handelt es sich bei den Diskutanten nicht um irgendwelche „Empörten“ von der Straße, sondern um die „Social-Media-Koordinatorin von tagesschau.de„, eine Bachmann-Preis-Nominierte, einen FAZ-Blogger und den stellvertretenden Chefredakteur der WELT-Gruppe. Man fragt sich dann schon: Ist das die Diskussionskultur unter den „Eliten“, die uns als Vorbild dienen soll?

Und Ronja von Rönne? Verkündete heute morgen die Deaktivierung ihres Blogs. „Wer wissen will warum“ solle „solange twitter lesen“. Alternativ kann man auch einfach auf ihren nächsten Artikel in der WELT warten, in dem sie vermutlich von ihren eigenen Erfahrungen mit der Hasskultur berichten wird. Spätestens dann wird sich die Empörungsspirale wieder von Neuem anfangen zu drehen.


UPDATE am 30.05.2015, 23:25 Uhr: In einer früheren Version hieß es „(…) bittet er deren Chefin Christiane Krogmann von tagesschau.de um eine Stellungnahme zu dem Fall. Diese stellt überraschend klar: (…)“. Don Alphonso hat mich in den Kommentaren darauf hingewiesen, dass diese Darstellung falsch ist. Den Text habe ich nun geändert zu „(…) bittet er die Pressestelle ihres Arbeitgebers tagesschau.de um eine Stellungnahme zu dem Fall. Ein Chef der entsprechend zuständigen Abteilung stellt überraschend klar: (…)“.

UPDATE am 31.05.2015, 00:25 Uhr: Der Tweet von Antifa-Pfarrer Hans Christoph Stoodt mit der Aussage „Adel ist was für die Laterne“ wurde mittlerweile gelöscht.

UPDATE am 31.05.2015, 00:35 Uhr: Don Alphonso erinnert in einem weiteren Kommentar daran, dass man „Angriffe in historischer Verkleidung“ wie die des Antifa-Pfarrers nicht verharmlosen sollte. Das war auch nicht meine Absicht und bitte um Entschuldigung, falls dieser Eindruck in meinem Text entstehen sollte. Der (mittlerweile gelöschte) Tweet hatte durchaus den Charakter einer Drohung.

UPDATE am 31.05.2015, 11:00 Uhr: tagesschau-Redakteur Patrick Gensing verwendet zunächst dieselbe Argumentationstechnik und sucht rassistische Seiten, die Don Alphonsos Beitrag loben, zeigt sich dann aber in den Kommentaren selbstkritisch.

UPDATE am 31.05.2015, 11:05 Uhr: Hans Christoph Stoodt verteidigt seinen mittlerweile gelöschten Tweet in seinem eigenen Blog. Da er ihn anscheinend nicht selbst gelöscht hat, drängt sich die Frage auf, ob Twitter ihn entfernen ließ, nachdem er von anderen Nutzern gemeldet wurde.

UPDATE am 31.05.2015, 20:25 Uhr: Wer an diesem Sonntagabend noch ein paar deeskalierende Worte lesen möchte, findet sie aktuell nur bei Ronja von Rönne. Falls ich noch ähnliche Äußerungen der anderen Protagonisten entdecken sollte, trage ich sie hier gerne nach.

UPDATE am 01.06.2015, 11:45 Uhr: Sehr gut passend: Anna-Mareike Krause bei einem Panel der SMW Hamburg über die Diskussionskultur und den verschärften Ton im Netz (Video vom 27.02.2015, 60 Minuten).

UPDATE am 01.06.2015, 19:30 Uhr: Vielen Dank für die bisherigen Kommentare. Wer noch etwas ergänzen möchte, darf dies gerne bis morgen Abend tun. Dann werde ich die Kommentarfunktion schließen.

UPDATE am 02.06.2015, 22:00 Uhr: Wie gestern angekündigt, habe ich die Kommentarfunktion nun geschlossen. Wenn Sie Interesse an weiteren Artikeln von mir haben, abonnieren Sie doch meinen RSS-Feed oder folgen Sie mir auf Twitter. Vielen Dank.

UPDATE am 07.06.2015, 20:15 Uhr: Dieses Thema beschäftigt mich auch in einem weiteren Blogpost: Drei Punkte: Wie Anna-Mareike Krause mit dem Shitstorm hätte umgehen sollen

UPDATE am 21.06.2015, 16:50 Uhr: Die Tweets von Frau Krause, auf die ich im obigen Text verlinke, waren bis vor kurzem noch für Jeden öffentlich sichtbar, sind nun aber geschützt. Nur noch Follower, die von Frau Krause persönlich bestätigt wurden, können die Tweets sehen. Da ich bei einer Recherche grundsätzlich von allen Tweets und Webseiten Screenshots mache, wäre es mir möglich, die Links durch Bilder zu ersetzen, so dass die Tweets weiterhin für Jeden lesbar sind. Ich entscheide mich aber dagegen, weil ich Frau Krauses Entscheidung respektiere und ihr die Wahl lassen möchte, wer ihre persönlichen Äußerungen sehen darf und wer nicht.

UPDATE am 30.06.2015, 14:00 Uhr: Ronja von Rönne erklärt in einem Interview mit Alexander Bulucz von der Faust-Kultur-Stiftung noch einmal ihren Text Warum mich der Feminismus anekelt, der die Empörung ursprünglich auslöste: „Ich hatte Wut, auf einen Feminismus, der sich (in meiner Wahrnehmung) in seiner Performanz extrem unemanzipiert zeigt und sich bereitwillig in eine Opferposition kuschelt. (…) Alleinerziehende Mütter mit einer 40-Stunden-Woche ohne Kita-Platz haben deutlich mehr Gemeinsamkeiten mit alleinerziehenden Vätern ohne Kita-Platz als mit Diskurswolken über cis-Männer und professx. Und wenn solche Problemfelder weiterhin von Frauen vertreten werden, die Artikel mit ‚mich als Frau macht das betroffen‘ beginnen, verlieren sie jede Dringlichkeit.“

Neun Punkte: Wie das Westfalen-Blatt mit dem Shitstorm hätte umgehen sollen

Das Westfalen-Blatt erlebte in dieser Woche einen Shitstorm aufgrund der Veröffentlichung einer homophoben Kolumne in ihrer Sonntagsausgabe. Nach einer ersten Stellungnahme vom Dienstag wurde gestern der Kolumnistin gekündigt. Insgesamt verhält sich die Zeitung sehr unprofessionell und wenig überzeugend. Deshalb habe ich einmal in neun Punkten zusammengefasst, wie sich das Blatt hätte verhalten sollen.

Sehr geehrtes Westfalen-Blatt,

ich möchte Ihnen in neun Punkten erläutern, wie Sie meiner Meinung nach mit dem Shitstorm dieser Woche hätten umgehen sollen:

1. Denken. Nicht voreilig handeln.

Bleiben Sie ruhig und denken Sie nach. Was passiert gerade? Warum passiert es? Veröffentlichen Sie keine voreiligen Stellungnahmen, bevor Sie nicht genau verstehen, warum Sie gerade eine Welle der Empörung trifft.

2. Aushalten. Nicht beschweren.

Halten Sie den Shitstorm aus. Beschweren Sie sich nicht. Sie haben den Unmut selbst verursacht. Sie sind dafür verantwortlich. Niemand anders.

3. Verantwortung übernehmen

Übernehmen Sie die Verantwortung. Stehen Sie als Team gemeinsam für das gerade, was Sie verursacht haben. Suchen Sie keinen Sündenbock. Versuchen Sie nicht, die Debatte zu beenden, indem Sie einzelnen Personen kündigen.

4. Lesen. Zuhören. Verstehen.

Ein Shitstorm besteht nicht nur aus wüsten Beschimpfungen, sondern enthält auch sachliche Beiträge. Lesen Sie diese. Versuchen Sie zu verstehen, wieso sich die Menschen so aufregen. Was genau war der Fehler, den Sie gemacht haben?

Versuchen Sie, sich in die Menschen hineinzuversetzen, die von Ihrer Veröffentlichung betroffen sind. Stellen Sie sich vor, Sie wären der homosexuelle Bruder und stünden kurz vor der Hochzeit. Stellen Sie sich vor, Sie schlagen nun die Zeitung auf und lesen Ihre Kolumne. Lesen Sie Ihre Kolumne jetzt nochmal. Mit seinen Augen. Mit seinen Gedanken. Verstehen Sie jetzt den Unmut der Menschen? Nein?

Haben Sie vielleicht Freunde und Bekannte, die einen anderen Blickwinkel auf die Debatte haben als Sie? Dann sprechen Sie mit denen. Laden Sie sie zum Essen ein. Erzählen Sie ihnen offen, dass Sie nicht verstehen, was Sie falsch gemacht haben. Hören Sie sich die Antworten genau an.

Versuchen Sie zu verstehen.

5. Fehler eingestehen. Entschuldigen.

Gestehen Sie den Fehler öffentlich ein. In einem Brief. Entschuldigen Sie sich bei den Betroffenen, bei den Lesern und bei der Öffentlichkeit. Glaubhaft und vorbehaltlos.

Und nein, der Fehler ist nicht die „kurze Fassung“ oder die „Formulierung“ des Textes. Wenn Sie das glauben, gehen Sie bitte nochmal zu Punkt 4 zurück.

Und nein, bitte relativieren Sie Ihren Fehler nicht. Gehen Sie auch in diesem Fall nochmal zu Punkt 4 zurück.

Und nein, bitte bezeichnen Sie die öffentliche Kritik nicht als „absurd“. Gehen Sie auch in diesem Fall nochmal zu Punkt 4 zurück.

6. Debatte zulassen

Drucken Sie Ihre Entschuldigung in der Zeitung ab und stellen Sie sie online. Lassen Sie Kommentare zu. Auf allen Kanälen. Ohne Bedingungen. Löschen Sie die Kommentare nicht. Lassen Sie die folgende Debatte zu, denn sie endet nicht mit Ihrer Entschuldigung.

7. Sinneswandel öffentlich verteidigen

Verteidigen Sie Ihren Sinneswandel gegenüber Ihren Lesern. Ihr Brief wird bei einigen Menschen reichlich Verwirrung und Unmut auslösen. Vor allem bei den „Fans“ homophober Kolumnen. Erklären Sie Ihnen sachlich und in ruhigem Ton, warum Sie nun ganz anders denken, warum Sie auf dem Holzweg waren. Beantworten Sie jeden Leserbrief und jeden Online-Kommentar.

8. Betroffene kurzfristig entschädigen

Schicken Sie dem fragestellenden Vater einen Brief, in dem Sie Ihren Sinneswandel erklären. Legen Sie dem Brief das Buch „Keine Angst in ANDERSRUM“ von Olivia Jones für seine Töchter bei.

Schenken Sie seinem Bruder einen professionellen Hochzeitsfotograf. Bieten Sie ihm an, von ihm ausgewählte Bilder auf einer Doppelseite in Ihrer Zeitung zu veröffentlichen. Nerven Sie ihn nicht weiter, wenn er das ablehnt.

9. Thema langfristig im Auge behalten

Wenn der Sturm vorüber ist, sollten Sie das Thema nicht abhaken. Behalten Sie es stattdessen langfristig im Auge. Setzen Sie sich mit dem Thema auch in Zeiten auseinander, in denen Sie nicht von der Öffentlichkeit dazu gezwungen werden.

Es gibt unzählige Gruppen, die sich tagtäglich gegen Homophobie und Diskriminierung im Allgemeinen einsetzen. Bestimmt auch in Westfalen. Laden Sie diese Gruppen in Ihre Redaktion ein. Bieten Sie eine offene und ehrliche Zusammenarbeit an. Eine Zusammenarbeit, die nicht Ihrer Zeitung als Werbung dient, sondern den engagierten Gruppen hilft. Unterstützen Sie sie, indem Sie ihnen einen festen Platz in Ihrer Zeitung anbieten. Ohne Bedingungen.

Mit freundlichen Grüßen,

Annette Baumkreuz


UPDATE am 22.05.2015: Die SZ hat heute ein Interview mit der Kolumnistin veröffentlicht. Darin wird mein Eindruck ganz gut bestätigt: Die Kolumnistin hat in keinster Weise verstanden, warum sich die Menschen über ihren Text so empört hatten. Sie „kann die Aufregung (…) nicht nachvollziehen“. Ihr Ratschlag, „die Kinder vor der Auseinandersetzung mit Sexualität zu schützen“, hat ihrer Meinung nach „weder mit Homosexualität noch mit Homophobie etwas zu tun (…)“. Sie wolle sich „nicht erpressen lassen“ und „einer pöbelnden Gruppe“ nicht die Hand reichen.

UPDATE am 02.06.2015: Die Kommentarfunktion habe ich nun geschlossen. Wenn Sie Interesse an weiteren Artikeln von mir haben, abonnieren Sie doch meinen RSS-Feed oder folgen Sie mir auf Twitter. Vielen Dank.

Medienkritik-BINGO #1: Katastrophe, Lust, Gier, Aufklärung, Pferde, Restzweifel, Erregungszyklen, Empörung, Druck, Katharsis

Das nächste Mal, wenn sich ein Chefredakteur gegenüber Medienkritik rechtfertigt, eine Privatperson Medienkritiker spielt oder die Medienethiker die Medienkritiker kritisieren… …spielen Sie doch einfach BINGO!

Und das geht so:

  1. Drucken Sie das Bingoblatt aus (PDF, 49 KB)
  2. Gehen Sie den Text, um den es geht, durch und kreuzen Sie alle Begriffe auf dem Blatt an, die Ihnen vom Autor um die Ohren gehauen werden
  3. Schreien Sie laut BINGO!, wenn Sie eine Reihe haben. Das geht am besten auf Twitter. Vergessen Sie nicht den Hashtag #MedienkritikBINGO, einen Link zum Text, und ein Foto von ihrem Bingoblatt. Sonst werden Sie von Ihren Followern noch für endgültig verrückt erklärt.

Und ja, die „#1“ im Titel bedeutet, dass ich beabsichtige, in Zukunft weitere Bingoblätter zu veröffentlichen. Bleiben Sie stark!

– Annette Baumkreuz

Medienkritik-BINGO-1

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