Warum die Persönlichkeitsrechte von Andreas L. weiterhin geschützt werden müssen

TLDR: Viele Medien nennen den vollen Namen und persönliche Details des Kopiloten von Flug 4U9525 und erklären ihn zur öffentlichen Person. Dies ist jedoch nicht vereinbar mit dem Pressekodex, denn nur zwei von sechs Punkten können als erfüllt angesehen werden.

Ich muss zugeben, dass ich selbst kurz auf dem falschen Weg war, als ich SPIEGEL Online dafür lobte, dass sie erst am dritten Tag nach dem Unglück von #Germanwings #4U9525 den vollen Namen des Kopiloten nannten:

Auf den richtigen Pfad brachte mich ein BILDblog-Beitrag von Mats Schönauer, der noch einmal an unsere Verantwortung als Journalisten appelliert…

Gerade gestern, als der Co-Pilot quasi zum Abschuss freigegeben wurde und ich mitansehen musste, wie sich immer mehr Medien reflexartig und bar jeden Anstands auf einen Menschen und dessen Familie stürzten, habe ich mich so ohnmächtig und verzweifelt gefühlt wie lange nicht mehr. Dennoch, oder gerade deshalb, will ich versuchen, mich im Folgenden einigermaßen sachlich mit den Ereignissen auseinanderzusetzen, und ich hoffe sehr, dass diese ganze Tragödie wenigstens dazu führt, dass einige Journalisten ihr eigenes Handeln zumindest ein kleines bisschen überdenken.

…und an die Konsequenzen erinnert, die entsehen, wenn wir unsere Sorgfaltspflicht nicht erfüllen:

Schon nach dem Amoklauf in Winnenden zitierte der Presserat in einem Leitfaden für die Berichterstattung über Amokläufe (PDF) einen Psychologen mit den Worten, bei Berichten über den Täter sei Zurückhaltung geboten, weil eine gewisse Form der Berichterstattung mögliche Nachahmungstäter bestärken könne: […]

Deshalb schauen wir zur Erinnerung – auch für mich – noch einmal in den Pressekodex des Deutschen Presserats. Unter Ziffer 8 ist erläutert, was bei der Namensnennung von Verdächtigen im Rahmen einer Kriminalberichterstattung zu berücksichtigen ist:

[…] die Intensität des Tatverdachts, die Schwere des Vorwurfs, der Verfahrensstand, der Bekanntheitsgrad des Verdächtigen oder Täters, das frühere Verhalten des Verdächtigen oder Täters und die Intensität, mit der er die Öffentlichkeit sucht.

Berücksichtigen wir also alle sechs Punkte in unserem konkreten Fall:

Punkt 1: Die Intensität des Tatverdachts

Am 26.03. äußert der französische Staatsanwalt Brice Robin vor der versammelten Presse den konkreten Tatverdacht, dass der Kopilot den Absturz des Fluges absichtlich beigeführt hat. Er nennt dabei sogar den vollen Namen des Kopiloten. Andere mögliche Absturzursachen wie z.B. ein gesundheitliches Problem der Piloten oder ein Terroranschlag schließt er –  auch nach mehrmaligem Nachfragen – aus.

Punkt 2: Die Schwere des Vorwurfs

Der Vorwurf wiegt schwer: Dem Kopilot wird von der französischen Statsanwaltschafts vorgeworfen, ein Flugzeug mit 150 Personen absichtlich zum Absturz gebracht zu haben.

Punkt 3: Der Verfahrensstand

Alle ermittelnden Behörden betonen in allen Pressekonferenzen, dass man erst ganz am Anfang der Ermittlungen steht. Das Unglück geschah erst vor wenigen Tagen und bisher wurde nur der Stimmenrekorder (CVR) ausgewertet. Der Flugdatenschreiber (FDR), der den bestehenden Verdacht erhärten oder aber auch widerlegen könnte, wurde bisher noch gar nicht gefunden. Allein für die Bergung der Leichen sind mehrere Wochen eingeplant.

Bei vergleichbaren Unglücken dauerte es oft mehrere Jahre, bis die Ermittlungen vollständig abgeschlossen waren. So lag z.B. der abschließende Untersuchungsbericht zum Air-France-Flug 4590 erst vier Jahre nach dem Unglück vor. Vor diesem Hintergrund könnte man den Verfahrensstand von Germanwings 4U9525 sogar grob quantifizieren: Die Ermittlungen sind wahrscheinlich erst zu 1 % abgeschlossen.

Punkt 4: Der Bekanntheitsgrad des Verdächtigen

Der Kopilot hatte keinen nennenswerten Bekanntheitsgrad vor dem Unglück. Er hatte eine normale Ausbildung bei der Lufthansa absolviert und gelegentlich an Marathonläufen teilgenommen.

Punkt 5: Das frühere Verhalten des Verdächtigen

Der Verdächtige war anscheinend nicht vorbestraft, jedoch verdichten sich Hinweise auf eine frühere Erkrankung, die auch mit dem Unglück in Zusammenhang stehen könnte. Die Düsseldorfer Staatsanwaltschaft geht zudem davon aus, „dass der Verstorbene seine Erkrankung gegenüber dem Arbeitgeber und dem beruflichen Umfeld verheimlicht hat“. Dies ist aber alles noch wenig konkret, da die Ermittlungen erst am Anfang stehen. Die Vorwürfe und der Tatzusammenhang könnte sich im späteren Verlauf auch als falsch herausstellen. Zudem geht es bei den Ermittlungen der Düsseldorfer Staatsanwaltschaft weniger um konkrete Beweise der Tat als eher um das Motiv des Verdächtigen.

Ein konkretes Verhalten des Verdächtigen in der Vergangenheit, dass die spätere Tat ankündigte, scheint es nicht gegeben zu haben.

Punkt 6: Die Intensität, mit der der Verdächtige die Öffentlichkeit sucht

Der Kopilot kam bei dem Unglück ums Leben. Es gibt keine Hinweise darauf, dass er vorher in irgendeiner Art und Weise die Öffentlichkeit gesucht hat.

Zusammenfassung

Meiner Meinung nach können nur die Punkte 1 und 2 als erfüllt angesehen werden. Alle anderen Punkte sprechen eindeutig dafür, dass die Persönlichkeitsrechte des Kopiloten weiterhin geschützt werden müssen.

Die Tatsache, dass sich die ermittelnden Behörden bereits 48 Stunden nach dem Unglück so eindeutig geäußert haben, scheint die Medien vergessen zu lassen, dass dadurch die Persönlichkeitsrechte des Kopiloten nicht aufgehoben werden.

Bevor die persönlichen Details in der Berichterstattung genannt werden dürfen, müssen weitere Punkte erfüllt sein. Es liegt in der Verantwortung der Medien, diese Punkte zu berücksichtigen. Gerade Punkt 3 ist ein klarer Hinweis darauf, dass die Persönlichkeitsrechte des Kopiloten weiterhin geschützt und die weiteren Ermittlungen abgewartet werden müssen.

Medien wie SPIEGEL Online machen es sich zu einfach, wenn sie Personen wie Andreas L. einfach zur „Person der deutschen Zeitgeschichte“ erklären:

Der Pressekodex fordert für eine identifizierende Berichterstattung, es müsse „eine außergewöhnlich schwere oder in ihrer Art und Dimension besondere Straftat“ vorliegen. Diese Voraussetzung sehen wir erfüllt.

Das ist nicht richtig. Der Pressekodex fordert für eine identifizierende Berichterstattung, dass noch weitere Punkte von den Medien berücksichtigt und erfüllt sein müssen.

Am Fall von Andreas L. sind sie das (noch) nicht.

Update vom 30.03.2015: Die aktuelle Diskussion um den #Pressekodex ist nicht nur eine ethische Debatte, es ist auch eine juristische… http://www.journalismus-handbuch.de/hat-ein-toter-mit-seinem-namen-noch-persoenlichkeitsrechte-zur-debatte-um-den-namen-des-kopiloten-6454.html