Wenn etablierte Medien sich vom journalistischen Berufsethos verabschieden, er von den Lesern aber noch eingefordert wird…

TLDR: Im Fall des tatverdächtigten Kopiloten vom Flug Germanwings 4U9525 verabschieben sich reihenweise alle etablierten deutschen Medien vom journalistischen Berufsethos. Ihre Begründungen dafür sind sehr schwach und überzeugen die meisten Leser nicht.

So rechtfertige gestern auch Mathias Müller von Blumencron in einem zweiseitigen Artikel die Entscheidung der FAZ, den Kopiloten bereits drei Tage nach dem Unglück als Täter zu behandeln und ihm alle Persönlichkeitsrechte abzuerkennen.

Denn für Blumenkron ist klar:

Andreas ▇▇▇▇▇ ist der Mann, der 149 Menschen und sich selbst in den Tod gerissen hat. […] Er hat sie verursacht – das steht laut den Ermittlern fest.

Hmm. Haben die Ermittler das wirklich so klar dargestellt? Gab es da keine relativierenden Worte? Äußerungen, die darauf hindeuten, dass auch andere Erklärungen möglich sind? Hinweise darauf, dass es sinnvoll wäre, erstmal die weiteren Ermittlungen abzuwarten, bevor man ein abschließendes Urteil spricht?

Der französische Staatsanwalt Brice Robin in seiner Pressekonferenz am 26.03.2015:

„Unsere wohl plausibelste Deutung geht dahin, dass […].“

„Das Verhalten des Co-Piloten könne man so werten , dass […].“

„Nach den derzeitigen Ermittlungen gebe es keinen Hinweis auf […].

Das klingt mir aber nicht danach, das alles klar ist. Eher danach, dass hier ein Staatsanwalt eine erste eigene Interpretation bekannt gibt auf Basis der aktuellen Ermittlungen. 48 Stunden nach dem Unglück.

Wurden denn überhaupt schon alle entscheidenden Beweise berücksichtigt?

Der zweite Flugschreiber sei noch nicht gefunden.

Oh.


Wäre es hier nicht angebracht, etwas zurückhaltender zu berichten, Herr Blumencron? Es kommt mir so vor, als stünden die Ermittlungen erst am Anfang, wären wichtige Beweismittel noch gar nicht ausgewertet.

Blumenkron:

Von dieser Faktenlage müssen wir im Moment ausgehen. […] Die Lösung ist nach gegenwärtigem Stand nur in der Person des Kopiloten zu finden.

Sie sagen es doch selbst: „Faktenlage“, „gegenwärtige[r] Stand“.

Wenn ein Tatverdächtiger bereits zwei Tage nach der Tat von den Medien als Täter bezeichnet wird, obwohl die Ermittlungen erst begonnen haben, und wichtige Beweismittel wie der Flugdatenschreiber überhaupt noch gar nicht vorliegen, hätte das nicht bedenkliche Folgen?

Blumenkron:

Wer bei Google den Allerweltsnamen Andreas eingibt, erhält schon in der Vorschlagsfunktion nahezu alle wichtigen persönlichen Parameter des Kopiloten der Germanwings-Maschine: Nachname, Wohnort, Beruf.

Haben Sie das jetzt im Ernst geschrieben? Völlig unkritisch? Völlig unreflektiert? Als wäre es eine Selbstverständlichkeit?

Ist es nicht beängstigend, dass Andreas L. bereits für alle als Täter feststeht und alle persönlichen Details öffentlich verfügbar sind? Haben Medien hier nicht die Pflicht zu hinterfragen, wieviel sie selbst zu solch einer Vorverurteilung beitragen und ob das moralisch vertretbar ist?

Blumencron:

Wer es ernst meint mit seinem Job in dieser Branche, der hat die Pflicht zur Aufklärung. Nicht nur bei Unglücken, sondern auch bei jedem anderen relevanten Vorfall. Die Presse, und dazu gehören alle, die mit ernsthaftem Anspruch in diesem Bereich tätig sind, ob Blogger oder Redakteure, ist ein riesiges Unternehmen Aufklärung.

Pflicht zur Aufklärung. Ja. Aber um jeden Preis? Müssen nicht immer auch ethische Gesichtpunkte berücksichtigt werden? Haben Journalisten denn keinen Berufsethos, keinen Kodex, der eine journalistische Sorgfalt einfordert, der Grundsätze für die Achtung der Menschenwürde und den Schutz der Persönlichkeit definiert? Grundsätze, die in der täglichen Praxis von der Presse eingehalten werden sollten?

Zumindest ihre Leser scheinen diese Grundsätze nicht vergessen zu haben:

Henrik Braun:

[…] Falls seine Schuld einwandfrei bewiesen ist, dann sollten persoenliche Daten (z.B. Nachname) zugaenglich gemacht werden – vorher nicht. Noch sollte die Unschuldsvermutung gelten.

Peggy Sodtke:

[…] Ich kann verstehen, dass die Bevölkerung nach einer schnellen Erklärung dürstete. Aber wir sollten hier nicht vergessen, dass noch kein abschließender, vollumfänglicher Bericht hierzu vorliegt, in dem sämtliche Aspekte beleuchtet wurden. Stattdessen schlachtet die Presse (und leider auch die FAZ) den Namen, die Herkunft, etwaige Privatheiten des Copiloten aus und eröffnet so die Jagd auf den „Falschfahrer“. Und solch eine Jagd lässt sich besser vorantreiben, wenn jeder das Gesicht des Copiloten kennt. Aber weiß man dann wirklich mehr? […]

H.S. Teha:

[…] Die Würde eines Menschen ist unantastbar, egal wer das ist, und was er getan hat. Ausserdem liegen nur Meinungen eines Staatsanwaltes vor. Die BEA hat diese Interpretationen bisher nicht bestätigt, noch entsprechende Beweise vorgelegt. […]

Felix Palmen:

[…] Was ich gar nicht verstehe ist die Behauptung, man sei das „den Opfern schuldig“. Inwiefern hilft es denn den Opfern? Was genau ist relevant daran, dass alle Welt Namen und Aussehen kennt? […]

Lars Tragl:

[…] Welche gesicherten Quellen für die Täterschaft des Copiloten gibt es denn noch, außer der Aussage eines französischen Staatsanwalts? Wenn denn alles so glasklar auf der Hand liegt, warum gibt es kein Transkript der Voicerecorderaufzeichnungen? Mir ist das bei aller Offensichtlichkeit zu schnell zu eindeutig. […]

Josef Lehmen:

[…] Zum jetzigen Wissensstand finde ich die Veröffentlichung der Bilder und des Namen des Co-Piloten als unverschämt. Wie steht die Presse denn da, wenn sich aus irgendwelchen Gründen auch immer herausstellt, dass der Pilot keinen Suizid begangen hat?

(Zitate von der ersten von insgesamt zehn Kommentarseiten unter dem Artikel)

Insgesamt eine interessante Diskussion, die sich zu führen lohnt. Mit Journalisten, aber auch mit Lesern. Zum Beispiel in den Kommentaren unter Blumencrons Artikel:

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Oh.

Hinweis: Der Nachname von Andreas L. wurde von mir unkenntlich gemacht. In einem ausführlichen Artikel erkläre ich mit Hinweis auf den Pressekodex, warum die Persönlichkeitsrechte von Andreas L. weiterhin geschützt werden müssen.

Ein Kommentar zu “Wenn etablierte Medien sich vom journalistischen Berufsethos verabschieden, er von den Lesern aber noch eingefordert wird…

  1. Lesenswert! #1: Filipovic, Frank, Khunkham, Fromm, Niggemeier, Grimm, Sahlender, Neumann, Lübberding, Prinzing, Wyss, Kappes, Meng, Lüscher – Annette Baumkreuz

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