Was traditionelle Medien verlieren, wenn sie die Persönlichkeitsrechte von Tatverdächtigen respektieren…

Führende Medienvertreter werden nicht müde zu betonen, dass es für ihre Berichtstattung über das Unglück von Germanwings 4U9525 notwendig sei, den vollen Namen und private Bilder des Kopiloten zu zeigen:

Kai Diekmann und Julian Reichelt, BILD:

Wir glauben auch, dass es richtig ist, den Täter Andreas ▇▇▇▇▇ zu zeigen. […] Zu wissen, wer für das Verbrechen verantwortlich ist, welcher Mensch die Tat begangen hat, ist essentiell für die historische und emotionale Aufarbeitung.

Mathias Müller von Blumencron, FAZ:

Die Lösung ist nach gegenwärtigem Stand nur in der Person des Kopiloten zu finden. Wir müssen uns mit ihm beschäftigen, wir müssen ihn ansehen, wir dürfen ihn sehen.

Aber stimmt das? Ist das wirklich „essentiell“ für die Berichterstattung? Was würden die Medien denn hier im konkreten Fall verlieren, wenn Sie die Persönlichkeitsrechte von Tatverdächtigen respektieren und auf die Nennung von privaten Details verzichten würden?

Es stellt sich heraus: Nicht viel.

Ich habe einmal zwei aktuelle FAZ-Artikel bearbeitet, die sich ausführlich mit Andreas L. beschäftigen:

Anonymisierter FAZ-Artikel (1) Anonymisierter FAZ-Artikel (2)

(Auf eine vollständige Artikeldarstellung habe ich verzichtet, um im Rahmen des Zitatrechts zu bleiben)

Man sieht, dass nicht viel verloren geht, wenn man alle identifizierenden Merkmale von Andreas L. aus den Artikeln entfernt.  Die Texte sind weiterhin gut lesbar und enthalten alle relevanten Informationen. Keine der Aussagen wird verändert. Die Autoren können auch bei Wahrung der Persönlichkeitsrechte munter spekulieren und ausführlich berichten.

Im Grunde müssten Medien wie die FAZ einfach nur die Namen abkürzen und auf die Veröffentlichung von privaten Facebook-Bildern verzichten.

Ist das wirklich zu viel verlangt?

(Dieser Artikel ist Teil einer Reihe, in der ich mich mit dem journalistischen Berufsethos und dem Pressekodex vor dem Hintergrund des Unglücks von Germanwings 4U9525 beschäftige.)