Neun Punkte: Wie das Westfalen-Blatt mit dem Shitstorm hätte umgehen sollen

Das Westfalen-Blatt erlebte in dieser Woche einen Shitstorm aufgrund der Veröffentlichung einer homophoben Kolumne in ihrer Sonntagsausgabe. Nach einer ersten Stellungnahme vom Dienstag wurde gestern der Kolumnistin gekündigt. Insgesamt verhält sich die Zeitung sehr unprofessionell und wenig überzeugend. Deshalb habe ich einmal in neun Punkten zusammengefasst, wie sich das Blatt hätte verhalten sollen.

Sehr geehrtes Westfalen-Blatt,

ich möchte Ihnen in neun Punkten erläutern, wie Sie meiner Meinung nach mit dem Shitstorm dieser Woche hätten umgehen sollen:

1. Denken. Nicht voreilig handeln.

Bleiben Sie ruhig und denken Sie nach. Was passiert gerade? Warum passiert es? Veröffentlichen Sie keine voreiligen Stellungnahmen, bevor Sie nicht genau verstehen, warum Sie gerade eine Welle der Empörung trifft.

2. Aushalten. Nicht beschweren.

Halten Sie den Shitstorm aus. Beschweren Sie sich nicht. Sie haben den Unmut selbst verursacht. Sie sind dafür verantwortlich. Niemand anders.

3. Verantwortung übernehmen

Übernehmen Sie die Verantwortung. Stehen Sie als Team gemeinsam für das gerade, was Sie verursacht haben. Suchen Sie keinen Sündenbock. Versuchen Sie nicht, die Debatte zu beenden, indem Sie einzelnen Personen kündigen.

4. Lesen. Zuhören. Verstehen.

Ein Shitstorm besteht nicht nur aus wüsten Beschimpfungen, sondern enthält auch sachliche Beiträge. Lesen Sie diese. Versuchen Sie zu verstehen, wieso sich die Menschen so aufregen. Was genau war der Fehler, den Sie gemacht haben?

Versuchen Sie, sich in die Menschen hineinzuversetzen, die von Ihrer Veröffentlichung betroffen sind. Stellen Sie sich vor, Sie wären der homosexuelle Bruder und stünden kurz vor der Hochzeit. Stellen Sie sich vor, Sie schlagen nun die Zeitung auf und lesen Ihre Kolumne. Lesen Sie Ihre Kolumne jetzt nochmal. Mit seinen Augen. Mit seinen Gedanken. Verstehen Sie jetzt den Unmut der Menschen? Nein?

Haben Sie vielleicht Freunde und Bekannte, die einen anderen Blickwinkel auf die Debatte haben als Sie? Dann sprechen Sie mit denen. Laden Sie sie zum Essen ein. Erzählen Sie ihnen offen, dass Sie nicht verstehen, was Sie falsch gemacht haben. Hören Sie sich die Antworten genau an.

Versuchen Sie zu verstehen.

5. Fehler eingestehen. Entschuldigen.

Gestehen Sie den Fehler öffentlich ein. In einem Brief. Entschuldigen Sie sich bei den Betroffenen, bei den Lesern und bei der Öffentlichkeit. Glaubhaft und vorbehaltlos.

Und nein, der Fehler ist nicht die „kurze Fassung“ oder die „Formulierung“ des Textes. Wenn Sie das glauben, gehen Sie bitte nochmal zu Punkt 4 zurück.

Und nein, bitte relativieren Sie Ihren Fehler nicht. Gehen Sie auch in diesem Fall nochmal zu Punkt 4 zurück.

Und nein, bitte bezeichnen Sie die öffentliche Kritik nicht als „absurd“. Gehen Sie auch in diesem Fall nochmal zu Punkt 4 zurück.

6. Debatte zulassen

Drucken Sie Ihre Entschuldigung in der Zeitung ab und stellen Sie sie online. Lassen Sie Kommentare zu. Auf allen Kanälen. Ohne Bedingungen. Löschen Sie die Kommentare nicht. Lassen Sie die folgende Debatte zu, denn sie endet nicht mit Ihrer Entschuldigung.

7. Sinneswandel öffentlich verteidigen

Verteidigen Sie Ihren Sinneswandel gegenüber Ihren Lesern. Ihr Brief wird bei einigen Menschen reichlich Verwirrung und Unmut auslösen. Vor allem bei den „Fans“ homophober Kolumnen. Erklären Sie Ihnen sachlich und in ruhigem Ton, warum Sie nun ganz anders denken, warum Sie auf dem Holzweg waren. Beantworten Sie jeden Leserbrief und jeden Online-Kommentar.

8. Betroffene kurzfristig entschädigen

Schicken Sie dem fragestellenden Vater einen Brief, in dem Sie Ihren Sinneswandel erklären. Legen Sie dem Brief das Buch „Keine Angst in ANDERSRUM“ von Olivia Jones für seine Töchter bei.

Schenken Sie seinem Bruder einen professionellen Hochzeitsfotograf. Bieten Sie ihm an, von ihm ausgewählte Bilder auf einer Doppelseite in Ihrer Zeitung zu veröffentlichen. Nerven Sie ihn nicht weiter, wenn er das ablehnt.

9. Thema langfristig im Auge behalten

Wenn der Sturm vorüber ist, sollten Sie das Thema nicht abhaken. Behalten Sie es stattdessen langfristig im Auge. Setzen Sie sich mit dem Thema auch in Zeiten auseinander, in denen Sie nicht von der Öffentlichkeit dazu gezwungen werden.

Es gibt unzählige Gruppen, die sich tagtäglich gegen Homophobie und Diskriminierung im Allgemeinen einsetzen. Bestimmt auch in Westfalen. Laden Sie diese Gruppen in Ihre Redaktion ein. Bieten Sie eine offene und ehrliche Zusammenarbeit an. Eine Zusammenarbeit, die nicht Ihrer Zeitung als Werbung dient, sondern den engagierten Gruppen hilft. Unterstützen Sie sie, indem Sie ihnen einen festen Platz in Ihrer Zeitung anbieten. Ohne Bedingungen.

Mit freundlichen Grüßen,

Annette Baumkreuz


UPDATE am 22.05.2015: Die SZ hat heute ein Interview mit der Kolumnistin veröffentlicht. Darin wird mein Eindruck ganz gut bestätigt: Die Kolumnistin hat in keinster Weise verstanden, warum sich die Menschen über ihren Text so empört hatten. Sie „kann die Aufregung (…) nicht nachvollziehen“. Ihr Ratschlag, „die Kinder vor der Auseinandersetzung mit Sexualität zu schützen“, hat ihrer Meinung nach „weder mit Homosexualität noch mit Homophobie etwas zu tun (…)“. Sie wolle sich „nicht erpressen lassen“ und „einer pöbelnden Gruppe“ nicht die Hand reichen.

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2 Kommentare zu “Neun Punkte: Wie das Westfalen-Blatt mit dem Shitstorm hätte umgehen sollen

  1. Punkt 1 bis 4 ist zuzustimmen. Ab Punkt 5 könnte es aber durchaus auch anders gehen. Nämlich: Sich dem „Shitstorm“ NICHT zu beugen.

    Sondern: Nach sorgfältigem, ruhigem Abwägen zu dem Ratgeber-Artikelchen stehen. Ihn zwar vielleicht zu ergänzen (Erkenntnisse aus Punkt 4), vielleicht eins, zwei besonders strittige Formulierungen zu erläutern, aber ansonsten zu sagen: „Ja, wir haben verstanden. Es gibt Unmut über den Artikel. Das respektieren wir. Aber wir halten den Standpunkt unserer Kolumnistin dennoch für legitim. Lassen Sie uns debattieren …“ …. weiter mit Punkt 6, Punkte 7 und 8 fallen weg. Punkt 9 bleibt gut.

    Auch eine Möglichkeit. Wahrscheinlich die souveränste.

    Im Übrigen, zum PS: Es waren nicht „die Menschen“, die sich über den Text empörten. Es waren einige, vielleicht (?) sogar eine Menge Menschen, es waren jedoch nicht DIE Menschen. Eine auch sprachlich wichtige Unterscheidung. Man sollte nicht so tun, als wären mindestens zwei Drittel aller Deutschen wütend wütend auf diese kleine Ratgeberkolumne und ihre Autorin.

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    • Danke für Ihren Einwand. Da haben Sie recht. Eine andere Möglichkeit wäre es in der Tat gewesen, sich den Empörten entgegenzustellen und den eigenen Standpunkt öffentlich zu verteidigen. In so einem Fall ergeben die Punkte 5-8 natürlich keinen Sinn.

      Für mich persönlich wäre es nicht in den Sinn gekommen, diese Kolumne zu verteidigen, da ich sie für falsch und eindeutig homophob halte. Aus diesem Grund habe ich an diese Alternative gar nicht erst gedacht.

      P.S.: Ja, es war nicht richtig von mir, von „den Menschen“ zu sprechen. Das ist viel zu allgemein. Ich hätte das anders ausdrücken sollen. Danke für den Hinweis.

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