Wie Medien vergessen, ihre eigene Rolle in der politischen Inszenierung zu hinterfragen

Es ist nicht neu, dass sich Medien für die politische Inszenierung vereinnahmen lassen und vergessen, ihre Rolle dabei zu hinterfragen. Beim Besuch der Queen in Deutschland wurde nun aber erneut deutlich, dass hierfür das nötige Bewusstsein fehlt.

Wer Florian Gathmann auf Twitter folgt, war über den Besuch der Queen bestens informiert. So lernte man alles über den Rasen…

…das Ein- und Aussteigen…

…und das Posieren für Fotos:

Doch die wirklich wichtigen Details erfuhr man erst heute morgen, als Gathmann ausführlich über seine gestrige Teilnahme am Staatsbankett berichtete. Als Teil einer ganzen Menge „sehr festlich gekleideter Menschen“ saß er „unter den vier Kronleuchtern im Großen Saal von Bellevue“. Das Vier-Gänge-Menü war „vorzüglich im Schloss, vor allem der Nachtisch“. Und „auch die musikalischen Einlagen überzeugten.“

Gelegenheit für kritische Fragen? Zum Beispiel zum Streit um die Flüchtlingsquote oder das EU-Referendum in Großbritannien? Immerhin war ja auch der englische Premier David Cameron anwesend. „Leider saß“ der Parlamentskorrespondent von SPIEGEL ONLINE „dann doch ein ganzes Stück entfernt“. Aufstehen konnte man ja nicht. Sie wissen schon: die Protokolle. An die müssen sich auch die Medien halten. Nicht auszudenken, wenn die Presse die politische Inszenierung durchbrechen und ihren zugewiesenen Platz verlassen würde.

Nun ist es wichtig, dass Medien solchen Ereignissen beiwohnen und die Geschehnisse dokumentieren. Doch wenn man keinerlei Gelegenheit für kritische Fragen und eine richtige journalistische Arbeit bekommt, wäre es dann nicht besser, aus der politischen Inszenierung auszubrechen und die Einladung zu einem Staatsbankett auszuschlagen?


Und es kommt noch schlimmer: In einem weiteren Artikel zum Queen-Besuch sieht es SPIEGEL ONLINE als seine journalistische Pflicht, ein offizielles Video der Bundesregierung nachzuerzählen. „Angela Merkel – rosa Blazer, schwarze Hose“ gäbe darin „die treusorgende Gastgeberin“. Die Szenen, so Autor Ansgar Siemens, hätten „einen ganz eigenen Charme“.

Der einzige weiterführende Link mit mehr Informationen: Der Tweet von Regierungssprecher Steffen Seibert mit dem offiziellen Video. Bereitgestellt vom gut bezahlten Social-Media-Team der Bundesregierung.

Doch diesem Link muss man gar nicht folgen. Denn damit sich jeder vom „Charme“ der Szenen überzeugen kann, ist das Video selbstverständlich auch auf SPIEGEL Online abrufbar. Aber natürlich ist hier eine 15-sekündige Werbung vorgeschaltet. Qualitätsjournalismus gibt es ja schließlich nicht umsonst.


In der Zwischenzeit reist die Queen weiter von Berlin nach Frankfurt. Der Römer ist bereits „abgesperrt, erste Fans sichern sich die besten Plätze“:

Unter den Fans auch hier: Journalisten.


UPDATE am 25.06.2015, 11:55 Uhr: Florian Gathmann ist während dem Bankett wohl doch aufgestanden und hat das Gespräch mit der Queen gesucht. Jedoch leider erfolglos: „Ich hätte ihr dafür auch gerne noch einmal persönlich meine Hochachtung ausgesprochen, aber irgendwie kam ich einfach nicht mehr an sie ran. Erst verwickelte sie der Hausherr auf dem Sofa in ein Gespräch, dann der Bundesaußenminister – und dann war es elf und alles schon vorbei.“

UPDATE am 25.06.2015, 12:00 Uhr: Auf SPIEGEL ONLINE gibt es einen anderen Artikel, der tatsächlich einige politische Äußerungen enthält, die während dem Bankett gefallen sind. Alle Zitate stammen jedoch aus einer DPA-Meldung, die auch unzählige andere Medien veröffentlichten, und sind anscheinend nicht das Ergebnis einer Arbeit der SPIEGEL-ONLINE-Redakteure vor Ort.

UPDATE am 25.06.2015, 14:00 Uhr: Rückblickend muss ich gestehen, dass mir die Überschrift zu allgemein geraten ist. Auch im Text spreche ich zu oft von „den Medien“, wenn ich doch im konkreten Fall nur SPIEGEL ONLINE meine. Ursprünglich hatte ich vor, noch weitere Medien zu erwähnen. Ich werde aber versuchen, das hier in den Updates noch zu ergänzen.

UPDATE am 25.06.2015, 22:45 Uhr: Etwas reflektierender berichtete Jörgen Camrath von der Berliner Morgenpost, der auch mal einen Schwenk auf die versammelte Presse wagte und sich selbst beim Filmen fotografierte.

UPDATE am 25.06.2015, 22:50 Uhr: Wann man als Journalist der Queen winken darf und wann nicht, erläuterte die F.A.Z. heute in Ihrem Periscope-Livestream. Meine „Live“-Medienkritik davon finden Sie hier: [von mir gelöscht]

UPDATE am 28.06.2015, 16:00 Uhr: In einem weiteren Blogpost habe ich mich ausführlich mit dem „Winkejournalismus“ der F.A.Z. beschäftigt: Ein Periscope-Experiment, das Fragen aufwirft.

UPDATE am 02.07.2015, 9:30 Uhr: Das Video aus dem Kanzleramt hatten auch noch andere Medien unkritisch übernommen, z.B. FOCUS Online und die Stuttgarter Nachrichten. Die Münchner Abendzeitung spricht von einem „netten Facebook-Video“ und die Hamburger Morgenpost war ganz begeistert von Kanzlerin Merkels „seltenen Kostproben ihres Englischs – mit leicht ostdeutschem Akzent. Charmant und warmherzig klingt das.“ Die WAZ lässt sogar unter den Tisch fallen, dass es sich um eine offizielle Aufnahme der Bundesregierung handelt, und spricht nur allgemein von einem „Twitter-Video“.

„In der Vergangenheit musste die Bundesregierung immer darauf hoffen, dass Journalisten ihre Sicht der Dinge transportieren“, schreibt Daniel Bouhs über die „Polit-Imagepflege“ der Bundesregierung. Beim Blick auf die zunehmende Häufigkeit von Quellenangaben wie „Foto: Facebook/Bundesregierung“ bekommt man jedoch mittlerweile den Eindruck, dass viele Medien nicht mehr kritisch sondern im Gegenteil dankbar den offiziellen Kanälen der Bundesregierung gegenüberstehen.

Die Social-Media-Strategie des Kanzleramts scheint voll aufzugehen.

Ein Kommentar zu “Wie Medien vergessen, ihre eigene Rolle in der politischen Inszenierung zu hinterfragen

  1. Der „Winkejournalismus“ der F.A.Z. auf Periscope – Annette Baumkreuz

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.