Der „Winkejournalismus“ der F.A.Z. auf Periscope

Während die Queen in Frankfurt weilte und F.A.Z.-Herausgeber Werner D’Inka am Bankett teilnahm, mischten sich zwei Mitarbeiter unter das wartende „Volk“ und filmten mit Periscope. Ein Videojournalismus-Experiment, das einige Fragen aufwirft.

[Geschnittene Version (7:05 min). Das Original-Video (23:30 min) ist nicht mehr verfügbar, da alle Periscope-Streams 24 Stunden nach Ausstrahlung automatisch gelöscht werden.]

14:36 Uhr 
Andreas Krobok (AK): Wir sind live, ne? Ich kann ja schonmal anfangen zu kommentieren. Die ersten 19 haben sich schon zugeschaltet. Neben mir steht auch der Franz Nestler. Franz, sag mal Hallo!
Franz Nestler (FN): Hallo!
AK: Ich bin der Andreas Krobok. Und wir freuen uns jetzt auf die Queen in FFM.

Darf ich da gleich mal unterbrechen? Die F.A.Z. bietet hier also eine Liveübertragung des Queenbesuchs in Frankfurt? Bemerkenswert.

Benötigt man dafür nicht eine Rundfunklizenz? Wenn ich das bei Nina DiercksTobias Röttger und auch beim Heise-Verlag [2,50 €] richtig lese, scheint das der Fall zu sein, wenn „mehr als 500 Personen zeitgleich auf das Angebot zugreifen können“.

Nun wäre das für die F.A.Z. ja nicht neu. Im Jahr 2000 hatte man schonmal eine bundesweite Lizenz für das FAZ-Business-Radio beantragt. Ich kann mich auch an eine Diskussion im Jahr 2010 erinnern, bei der es unter anderem darum ging, ob die Online-Angebote von Zeitungen eine Rundfunklizenz benötigen.

Ich vermute aber, dass der F.A.Z. für ihren Periscope-Auftritt noch keine Lizenz vorliegt. Und die entscheidende Frage ist dann: Hätten die Mitarbeiter die Übertragung abgebrochen, sobald die Zuschauerzahl 500 übersteigt?

Franz Nestler bei der F.A.Z.-Übertragung des Queenbesuchs

14:39 Uhr
AK: Wer will denn eigentlich mal den Franz sehen?
FN: Ich denke, das will niemand. 
AK: Doch. Doch. Hi Franz! 
FN: Hallo! (Schwenk auf den Kameraturm des HR) 
AK: Da oben sind die weitaus schlechter aussehenden Kollegen vom Hessischen Rundfunk 
FN: He he! 
AK: He he! Ha ha!

Man merkt: Hier geht es weniger um knallharten Journalismus sondern mehr um die Unterhaltung. Aber wieso auch nicht? Diese Freiheit kann man der F.A.Z. gerne zugestehen. Mal schauen, was sie daraus macht…

14:40 Uhr
AK: Ischa schreibt auch "Könnt ihr mal umschwenken?". Das machen wir jetzt mal. Ganz langsam.
(Schwenk nach hinten. Man sieht die Menschen hinter den Absperrungen und mehrere Polizisten.)
AK: Hier sind die ganzen Leute. Da winkt uns natürlich jetzt erstmal keiner.

So banal ein Kameraschwenk auch ist, in diesem Fall finde ich ihn interessant und notwendig. Mit dem Blick auf die Absperrungen und das Polizeiaufgebot bekommt der Zuschauer ein Gesamtbild des Ereignisses. Und der Schwenk zeigt, wo die Filmenden stehen: Eben nicht vorne im Pressebereich sondern dahinter, wo auch das Publikum steht.

14:43 Uhr
AK: For our english friends: We are now at the Römerberg at Frankfurt, Germany, where the Queen Elizabeth will…
FN: Maybe we should translate "Roman Hill". It's better as "Römerberg".
AK: "Roman Hill"? Yeah, maybe.

Anlass dazu waren die vielen englischsprachigen Kommentare, die fragten „Where is this?“. Man sieht hier einerseits, dass souverän reagiert wurde, andererseits aber auch, dass es mit Periscope möglich ist, ein internationales Publikum zu erreichen. Das ist in diesem Fall gar nicht so uninteressant. Denn wenn ich das richtig sehe, bietet FAZ.net bisher keine englischsprachige Version an wie zum Beispiel SPIEGEL ONLINE.

14:45 Uhr
AK: Für die Leute, die gerade nochmal gefragt hatten, wo denn hier der Pressebereich ist: Da wo wir hier stehen, da kann jeder hin. Der Pressebereich, man sieht hier ungefähr 15 Meter vor uns, da stehen so ein paar "Weißhemden" etwas erhöht. Das sind Kollegen von der Presse, die sich sozusagen akkreditieren haben lassen vorher und die haben jetzt gleich einen etwas besseren Blick auf die Queen. Die haben aber den Nachteil gegenüber uns, das sie nicht winken dürfen. (…) Ich meine, als Pressevertreter sollte man da jetzt nicht winken
…
AK: (liest Kommentare vor) Ja, "Winkejournalisten". Genau. Lügenpresse! (lacht)

Es finde es sehr gut, dass die Lage des Pressebereichs erklärt wird, da man dadurch einen Einblick hinter die Kulissen des „Schauspiels“ erhält. Dass überhaupt auf solche Kommentare eingegangen wurde, finde ich großartig. Man hätte das auch einfach ignorieren und weiter über das Outfit der Queen sprechen können. Möglicherweise war es sogar von vornherein das Ziel der F.A.Z., den „Zirkus“ von einem weiter entfernten Standpunkt aus zu beleuchten. Mit Periscope.

Was ich aber nicht verstehe: Wieso sehen sich Krobok und Nestler nicht selbst als Pressevertreter? Sie sind Mitarbeiter der F.A.Z. und streamen live mit dem offiziellen Account. Die sind doch nicht privat sondern für ihren Arbeitgeber unterwegs. Auch wenn sie vielleicht nicht offiziell akkreditiert sind, bleiben sie doch trotzdem Mitarbeiter eines Medienhauses.

14:48 Uhr
(Leute jubeln)
AK: Ah, da isse! Dürfen wir auch winken? Wir dürfen winken, oder?
FN: Wir dürfen winken, wir sind im Volk.
AK: Yeah! (…) Bouffier… genau… und Prinz Phillip 
(…)
AK: Juhuu! Yeah!

Bin ich der einzige, der das unangemessen findet? Ministerpräsident Bouffier und die Queen treten durch die Tür und die Mitarbeiter der F.A.Z. jubeln? Und das soll in Ordnung sein, weil man sich „im Volk“ befindet? Die Regel ist mir neu. Winkt man dann auch bei einem Wahlkampfauftritt der Kanzlerin – einem Event, bei dem oft auch Fähnchen geschwungen werden und gejubelt wird?

Das ist ganz bestimmt nicht mein Verständnis von einem journalistischen Berufsethos und von kritischer Distanz. Aber gut, ein Problem mit der fehlenden Distanz während dem Queenbesuch hatten auch andere.

14:51 Uhr
AK: Liebe Julia, im Büro. Wir sind halt aufgeregt hier draußen. (an FN gerichtet) Die Julia hat uns gerade ein bisschen zur Ruhe gemahnt. Sie ist halt im Büro, ne, und wir sind hier draußen und wir sind quasi live dabei, wo ja die Action stattfindet.
FN: Ich glaube Julia ist einfach eine Kostverächterin.

Aha, interessant. Da war ich also doch nicht alleine. Da gab es anscheinend aufgrund des Jubels eine Intervention von der „Regie“ aus der F.A.Z.-Redaktion, mit der die beiden Kollegen vor Ort verbunden sind.

Wir sprechen also durchaus von einem professionellem Videojournalismus: Zwei „Reporter“ vor Ort und eine „Regie“ im Hintergrund. Wer hätte das von der F.A.Z. erwartet? Naja, ganz verwunderlich ist es nicht. Immerhin war Andreas Krobok jahrelang Leiter Audio/Video bei dpa-AFX.

Kollegin von Antenne Bayern

14:52 Uhr
AK: Hier ist jetzt ne Kollegin von Antenne Bayern
(Junge Frau kommt ins Bild)
AK: Hallo! Du bist live drauf, ne?
Kollegin: Live nicht!
AK: Doch! Hier ja. 
Kollegin: Achso, ich bin live drauf?
AK: Ja, live auf F.A.Z.! Liest du die F.A.Z.?
Kollegin: Natürlich lese ich die F.A.Z.
AK: Auch in München?
Kollegin: Ja, bin ja selber Journalistin.

Lustig: Die Kollegin vom Radio dachte erst, „Du bist live drauf“ sei als Frage an sie gerichtet, dabei wurde sie (korrekterweise!) darüber aufgeklärt, dass sie gerade selbst live zu sehen ist. Weltweit. Von allen, die der F.A.Z. auf Periscope folgen.

14:56 Uhr
AK: Welches Medienhaus wir sind? Wie kann man das nicht wissen? Achso. Es gibt auch Leute, die nur über Periscope kucken, ne? Also: Wir sind vom Medienhaus F.A.Z.. For the english ones: This is Frankfurter Allgemeine Zeitung. Maybe the best newspaper in the world.
FN: Yeah. Why say maybe.
AK: Probably. Ja, ist probably.
FN: I've kind of wondered.
AK: I mean yes. It is. Also es gibt natürlich viele jüngere Leute, die die Frankfurter Allgemeine Zeitung noch nicht für sich entdeckt haben. Aber letztlich ist das eine Frage der Zeit.

Ok. Das ist natürlich ein peinliches Eigenlob. Es zeigt aber, dass die F.A.Z. ihren Periscope-Auftritt wohl auch als Marketing in eigener Sache versteht. Aber wenn man in Zukunft professioneller auftreten und das Videostreaming ernster nehmen möchte, sollte man sich selbst nicht als „die beste Zeitung der Welt“ bezeichnen.

14:58 Uhr
(Schwenk über die Menschen im Publikum)
AK: Kucken schon auch alle ein bisschen… Ich will jetzt ja auch nicht alle zeigen… obwohl wir sind ja jetzt auch auf einem öffentlichen…
(Fokus auf einen Mann, der in der Menge steht und mit neutralem Gesichtsausdruck nicht nach vorne sondern ganz woanders hinschaut)
AK: Kuck mal er hier zum Beispiel… Er kuckt auch schon ein bisschen… (atmet laut ein)
FN: Ja, dauert auch alles zu lang.

Der Fokus auf einzelne Personen im Publikum ist natürlich heikel. Da man das Recht am Bild respektieren muss und ein Einverständnis der Personen vor dem Filmen benötigt, kann das spontane Videostreaming rechtlich schwierig werden. Andreas Krobok wollte hier wohl „Wir sind ja jetzt auf einem öffentlichen Platz“ sagen und zeigt damit das nötige Bewusstsein für dieses Thema. Beim Besuch der Queen in Frankfurt kann man meiner Meinung nach sogar von einem Ereignis der Zeitgeschichte sprechen. In so einem Fall benötigt man kein Einverständnis der gefilmten Personen.

Man sieht aber, dass es beim Videostreaming nicht reicht, nur die Kamera ruhig zu halten. Während es den meisten beim Thema Periscope nur darum geht, ob man damit kostenlos Fußball schauen kann, müssen sich die, die professionelle Videoinhalte produzieren möchten, mit vielen Fragen beschäftigen: Was darf ich filmen? Wen darf ich filmen? Was sind besonders geschützte Personen? Was sind besonders geschützte Lebensräume? Wann gelten Personen als „Beiwerk“? usw.

Und das sind nur die rechtlichen Fragen. Wenn man beginnt, auch noch über moralische Fragen nachzudenken, die vor allem bei Unfällen und Katastrophen eine Rolle spielen, merkt man: So einfach mit dem Videostreaming ist es dann doch nicht. Wenn man sich wirklich ernsthaft damit beschäftigen möchte, landet man am Ende bei den journalistischen und ethischen Grundsätzen, die bei einer Ausbildung zur Kamerafrau bzw. zum Kameramann vermittelt werden.

Hinzukommen weitere Anforderungen, die man bei klassischen Fernsehübertragungen so eigentlich nicht kennt. Bei Periscope sind Kommentar und Kamerabild nämlich untrennbar miteinander verbunden. Beides kommt in der Regel von derselben Person. Und als ob das nicht schon schwierig genug ist, wird von dieser Person auch noch erwartet, dass sie während der Liveübertragung auf die zahlreichen Kommentare eingeht und mehrsprachig darauf antwortet.

Es ist gerade der unverfälschte Livecharakter von Periscope, der das Einhalten von journalistischen und ethischen Grundsätzen enorm erschwert. Die Frage bei Periscope ist deshalb weniger, wie man den Einsatz für das Publikum möglichst interessant macht oder wie man diese neue Technik geschickt für das Marketing in eigener Sache verwendet, sondern vielmehr wie eine Qualitätssicherung unter Live-Bedingungen aussehen kann.


Ich glaube, was wir erleben ist erst der Anfang des massenhaften Videostreamings. Bestimmt arbeiten Periscope, Meerkat und andere schon an neuen Versionen, die mehr Möglichkeiten bieten. Zum Beispiel die Unterstützung von mehreren Kameras oder eine Zeitverzögerung, die Raum für „Korrekturen“ lässt. In naher Zukunft wird es sicherlich auch die ersten Paymentlösungen geben: Pay-per-view, Abomodelle, usw.

So ganz abwegig klingt die Prognose also nicht mehr, die davon ausgeht, dass in Zukunft die Mehrheit der Onlineinhalte aus Video besteht. Da ist es verständlich, dass Printmedien wie die F.A.Z. mit diesem Format liebäugeln und beginnen zu experimentieren.


P.S.: Ich hatte zunächst vor, der F.A.Z. zum Thema Periscope ein paar Fragen zu mailen. Da mir Andreas Krobok aber mitteilte, ich solle mich und das „Experiment“ nicht so ernst nehmen, habe ich darauf verzichtet. Denn obwohl ich den Periscope-Stream der F.A.Z. als Anlass nehme, geht es mir bei diesem Thema doch eher um allgemeinere Fragen und Antworten.


UPDATE am 01.07.2015, 12:00 Uhr: Während andere noch experimentieren nimmt man bei Axel Springer den Videojournalismus richtig ernst: Mit professioneller Grafik und Untertitelung, damit man auch ohne Ton schauen kann. Einen ersten Check gibt’s bei MEEDIA.

UPDATE am 01.07.2015, 12:05 Uhr: Für diesen Blogpost war ich übrigens – wie schon andere vor mir erfolglos auf der Suche nach journalistischen und ethischen Leitlinien von Rundfunkredaktionen, die im Internet öffentlich zugänglich sind. Während man bei der BBC eine ganze Microsite „Editorial Guidelines“ findet, liest sich der Konterpart beim ZDF wie Marketing in eigener Sache: „Effektivität bedeutet, Personal und Gebührengelder zielorientiert und verantwortlich einzusetzen (…) Das ZDF ist ein attraktiver Arbeitgeber“. Und bei der ARD findet man nur nichtssagende Berichte und ein PDF mit „Qualitätskriterien“, in dem einfach nur einzelne Begriffe auflistet werden. Hinweise auf vorbildliche Leitlinien aus Rundfunkredaktionen nehme ich deshalb gerne per Email entgegen. Vielen Dank schonmal im Voraus. :)

Ein Kommentar zu “Der „Winkejournalismus“ der F.A.Z. auf Periscope

  1. Wie Medien vergessen, ihre eigene Rolle in der politischen Inszenierung zu hinterfragen – Annette Baumkreuz

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