Hatespeech: Wenn ein 47-seitiger Artikel den tatsächlichen Dimensionen nicht gerecht wird

Der Longread über Hatespeech von René Walter ist zwar ein beeindruckender und interessanter Text über Diskussionskultur, aber wenig differenziert, da er Opfer und auslösende Strukturen verallgemeinert und lieber über die „ethisch-technischen Prozesse“ spricht.

Leider wird im Text über konkreten Erfahrungen mit Hassbotschaften sehr wenig gesprochen und die Wirkung auf die Betroffenen mit einem Einschub abgehakt:

Ich möchte dem hinzufügen, dass dies explizit nicht für Kriminelle gilt, die ausdauernd extremste Drohungen verschicken. Grade für Feministinnen im Netz ist das aus oben genannten Gründen, gelinde gesagt, ein echtes Problem. Ich denke allerdings, dass die Extreme ihre Ursachen zumindest teilweise ebenfalls in den von mir beschriebenen Phänomenen haben. Die Unterscheidung zwischen Kriminellen und Trollen halte ich allerdings für einen von vielen essentiellen Punkten.

In diesem Zusammenhang hatte Charlott Schönwetter bereits im Mai gewarnt, dass der Begriff „Hatespeech“ schnell „entpolitisiert verwendet werden kann. Dann wird plötzlich über die ‚Debattenkultur‘ im Internet diskutiert und nicht mehr über Macht- und Diskriminierungsverhältnisse.“

Ausführliches Material zum Thema Hatespeech mit Erläuterungen, Beispielen und Empfehlungen findet man übrigens bei der Amadeu-Antonio-Stiftung. Bemerkenswert ist auch die Platform hatr.org, die Hass- und Trollkommentare sammelt.


UPDATE am 02.07.2015, 15:45 Uhr: Philippe Wampfler kritisiert an „There Will Be Blood“, dass René Walter auf Debatten zurückgreift, „die längst viel differenzierter geführt worden sind“ und dass er „damit wesentliche Beiträge von Expertinnen zu Themen wie »Hate Speech« und Gamergate“ ignoriert:

Die Vermutung, dass in Debatten eine Polarisierung entsteht, ist letztlich so trivial und nichtssagend wie die Behauptung, die Diskussionskultur sei online eine viel radikalere als – Achtung, Jargon! – im »Meatspace«. Da entwickelt René Walter einen reaktionären digitalen Dualismus, der wenig bringt. Als ob es offline keine polarisierenden Debatten gäbe.


UPDATE am 02.07.2015, 18:25 Uhr: Aufgrund des Textes von René Walter hatte Lucie Höhler die Beschreibung „tm;dr“ eingeführt. Die laut Google weltweit erste Erwähnung einer Abkürzung, die analog zu „tl;dr“ für „too male, didn’t read“ steht. Zwar eine clevere Idee, für mich jedoch etwas befremdlich: Frauen, die an anderer Stelle gegen die Diskriminierung aufgrund des Geschlechts kämpfen, lehnen es also wegen dem Geschlecht eines Autors ab, seine Texte zu lesen? Die Kritik an der „männlichen Perspektive“ kann der Begriff ja nicht meinen, denn das würde ja voraussetzen, den Text gelesen zu haben.


UPDATE am 02.07.2015, 18:30 Uhr: René Walter hört der Kritik seit gestern übrigens aufmerksam zu und reflektiert seinen Text:

Er plant wohl ein Update:

Vielleicht gibt es auch noch einen Gastbeitrag aus einer anderen Perspektive:


UPDATE am 02.07.2015, 18:50 Uhr: Ich habe den Titel des Posts von „Lesetipps zum Thema Hatespeech: Walter, Schönwetter, Amadeu-Antonio-Stiftung, Hatr.org“ zu „Hatespeech: Wenn ein 47-seitiger Artikel den tatsächlichen Dimensionen nicht gerecht wird“ geändert. Die 47 Seiten werden bei mir angezeigt, wenn ich bei „There Will Be Blood“ die Druckfunktion benutze.

UPDATE am 02.07.2015, 22:00 Uhr: Den Hinweis auf Hatespeech beim Tagesspiegel habe ich entfernt, da er mit dem Text von René Walter direkt nichts zu tun hat.

UPDATE am 03.07.2015, 09:00 Uhr: Anne Wizorek möchte „keine Debatte, die Machtstrukturen ignoriert“. Kritisch merkt sie an, dass Leute (wie René Walter?) zwar wohl die Attacken auf Feministinnen kennen, aber nicht darauf verlinken. Man solle „nicht einfach nur schreiben ‚Ich weiß, dass Feministinnen viel abkriegen‘, sondern konkrete Beiträge“ liefern. Die Debatte sei „eigentlich schon viel weiter“.

UPDATE am 03.07.2015, 10:15 Uhr: Yasmina Banaszczuk kritisiert an René Walters Text die „Gleichsetzung von organisiertem Hass mit individuellen Kompensationshandlungen Betroffener“, das komplette Ignorieren von „ganzen Jahren politischen, aktivistischen und geschriebenem Engagement“, „schlichtweg falsche Stellen im Text“ und „eine selektive Verlinkung selektierter Quellen, die aber vorgibt umfassend bzw repräsentativ zu sein“. In Kurzform: „Die Pseudo-Differenzierung führt zur Gleichsetzung von Hate Mobs und den Reaktionen der Betroffenen.“

Als weiterführende Links und Beispiele für bessere Inhalte zum Thema Hatespeech nennt Banaszczuk die bereits von mir erwähnte Amadeu-Antonio-Stiftung, die Republica-Vorträge von Anne Wizorek, den Artikel „Die Gewalt der Gamer“ und einen eigenen Text auf iRights.info.

Letzterer trägt den Titel „Feminismus und Spieleindustrie: #Gamergate und die Folgen“ und geht die Geschehnisse um Gamergate rückblickend durch. Banaszczuk erwähnt Abwehrmöglichkeiten für Betroffene und fordert eine dringende Diskussion darüber, „wie mit Gewalt im Netz gegen Personen aufgrund ihres Geschlechts, ihrer Herkunft oder anderer Merkmale umgegangen werden soll“.

Auf die Frage von Johnny Haeusler, ob es nicht sinnvoll wäre, dem Text von René Walter „eigene Posts entgegenzusetzen“, reagierte Banaszczuk zögerlich. Einerseits aus Zeitgründen, weil sie gerade an ihrer Dissertation schreibt, andererseits aber auch aufgrund der Befürchtung, das dann „was Schlimmes passiert“.

Die traurige Ironie ist, dass durch Yasmina Banaszczuks Zögern, mit einem eigenen Blogpost gegenzuhalten, die Dimensionen verdeutlicht werden, die bei René Walters Longread gar nicht thematisiert werden: Dass nämlich einzelne Personen und Gruppen unter besonderer Beobachtung stehen und aufgrund der Machtverhältnisse befürchten müssen, dass „etwas Schlimmes passiert“, wenn sie sich zu den Themen Hatespeech und Gamergate lautstark äußern. Und dass diese Sorge eben nicht aus einer Paranoia resultiert sondern aus langjährigen persönlichen Erfahrungen und intensivem Kontakt mit anderen Betroffenen.


UPDATE am 03.07.2015, 11:00 Uhr: Ich muss um Entschuldigung bitten, denn ich habe Yasmina Banaszczuks Tweet und ihre Aussage „es wird wieder nur darum gehen ‚was schlimmes passiert'“ falsch interpretiert. Frau Yasmina Banaszczuk stellt klar, dass sie „keine Angst [hat], dass was schlimmes passiert“, wenn sie dazu bloggt, sondern dass es nur darum geht, „was (uns) schlimmes passiert“ (also was für Hate Speech Erfahrungen wir haben)“. Das sei eine Befürchtung, die sie habe, „jedoch kein Grund für mich den Text nicht zu schreiben.“ Mein eigener Tweet hat ihre Befürchtung nochmal bestärkt und das tut mir sehr leid.


UPDATE am 03.07.2015, 14:00 Uhr: Frau Banaszczuk hat nun einen eigenen Blogpost veröffentlicht. Ich möchte hier nicht daraus zitieren sondern den Text Ihnen einfach vorbehaltlos weiterempfehlen. Lesen Sie ihn, denken Sie darüber nach und ziehen Sie Ihre eigenen Schlussfolgerungen für Ihr zukünftiges Handeln! Ich jedenfalls habe es getan.

UPDATE am 08.07.2015, 12:00 Uhr: René Walter hat die Anmerkungen und Kritik an seinem Text gesammelt und kommentiert sie ausführlich in einem weiteren Blogpost. Er bedankt sich für die friedliche und sachliche Debatte.

7 Kommentare zu “Hatespeech: Wenn ein 47-seitiger Artikel den tatsächlichen Dimensionen nicht gerecht wird

  1. „Die Kritik an der “männlichen Perspektive” kann der Begriff ja nicht meinen, denn das würde ja voraussetzen, den Text gelesen zu haben.“ -> Ich interpretiere das als eine erweiterte Form des tl;dr. Man fängt den Text an zu lesen, merkt wie langatmig er ist, und wenn nach den ersten fünf Seiten immer noch keine anderen Perspektiven als von Typen aufkommen bei einem Thema, was *gerade* Frauen im Netz ja besonders betrifft, dann bricht man eben ab mit dem lesen.

    Der Text zitiert so unglaublich viele andere Leute, dass dann halt sowas sauer aufstößt und man nach wenigen Seiten merkt: dieser Text ist so krass aus der männlichen Perspektive geschrieben, die auf dieser Ebene der strukturellen (!) Diskriminierung da einfach keinen peil von hat – und gleichzeitig nicht einmal dann versucht, eine andere Perspektive zu verstehen oder einfach für sich sprechen zu lassen.

    Insofern finde ich tm;dr eine großartige Erfindung. Gerade bei so einem Moloch eines Textes mit ganz viel Reherchearbeit könnte man erwarten, dass sowas vorher mitgedacht wird, wa?

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  2. Mich würde interessieren warum Herr Götzfried (siehe „Über mich“) hier und auf Twitter mit Frauennamen-Pseudonym auftritt. Ich denke einer ehrlichen Debatte über feministische Themen ist das nicht zuträglich, gerade weil alle anderen Beteiligten ohne derartige Verschleierung diskutieren.

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    • Ich habe das Pseudonym Annette Baumkreuz vor vier Monaten ohne groß nachzudenken gewählt, um das Blog von meinem Hauptberuf zu trennen. Mein erster Post war ein Kommentar an Udo Ulfkotte auf http://www.kopp-verlag.de. Gerade in diesem Umfeld wollte ich nicht mit meinem Klarnamen auftreten.

      Mittlerweile ist aus dem Blog etwas Größeres geworden. Und Sie haben Recht, dass es gerade bei feministischen Themen moralisch nicht vertretbar ist, nicht nur einen anderen Namen sondern auch ein anderes Geschlecht vorzutäuschen.

      Ich plane deshalb schon seit einigen Wochen, das Pseudonym abzulegen und hier mit meinem richtigen Namen und meinem richtigen Gesicht aufzutreten. Dazu wird auch dieser Blog stark verändert werden.

      Eine neue Domain und ein neuer Twitter-Handle sind bereits registriert. Ich habe auch schon seit Längerem einen Blogpost im Entwurf, der ausführlich erklärt, wie es zu diesem Pseudonym kam, warum ich es jetzt ablege und warum es trotzdem immer Möglichkeiten geben muss, um im Internet anonym und unter Pseudonym auftreten zu können.

      Ich verstehe, dass ein Blick in „Über mich“ und ins Impressum irritierend sein kann, wenn man gleichzeitig von Annette Baumkreuz angeschaut wird. Das tut mir sehr leid. Ich werde das ändern.

      – Maximilian Götzfried alias Annette Baumkreuz

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  3. Alle nach @lasersushi weiterführenden Kommentare und Texte verlinken auf – – -Organisationen und Personen, die den bisher jedenfalls keineswegs mehrheitsfähigen „Theorie“ansatz von Wizorek et al teilen und zu deren Unterstützer- und kritiklosen Sympathisantenszene gehören. Das ist in etwa so, als würde man Autoren der Jungen Freiheit fragen, was sie von dem Text eines Liberalen zu einer Auseinandersetzung zwischen Anhängern der AfD und der GRÜNEN halten und ob der alle Perspektiven ausreichend berücksichtigt.

    Wie ein amerikanischer, sehr gamergate kritischer, Journalist von Slate vor kurzem anmerkte, gibt es in den USA inzwischen Bestrebungen der dortigen Rechtsextremisten, den Leuten den Eindruck zu vermitteln, sie könnten nur noch die Wahl zwischen Faschismus und Safe Space Feminismus treffen.

    Der Verriss des nerdcore Textes geht exakt in diese Richtung, weil Netzfeministinnen wie Banasczuk ernsthaft glauben, ihre Texte hätten wissenschaftlichen (statt aktivistischen) Character und würde das Geschehen „neutral“, aus der Sicht eines unvoreingenommenen Beobachters beschreiben. Weshalb jede/r Kritiker/in nur (beliebiges Schimpfwort einsetzen) sein kann. Diese Haltung zeugt von begrenzter Einsichtsfähigkeit in die Grenzen der eigenen Erkenntnis und ist ergo ein Zeichen von Dummheit, aber das soll nicht mein Problem sein.

    Der nerdcore Text gibt Einblick in einen Teil der Weltsicht von Hardcore-Gamern, er hat dabei vieles vergessen, darunter etwas, was gerade Netzfeministinnen bekannt vorkommen müsste: Langandauernde Kränkungserfahrungen. Gamer waren bis vor ca. maximal 10 Jahren für halbwegs intelligente/gebildete Frauen eine Kreuzung zwischen einer Kröte und einem Psychopathen und wurden von denen und von allen Mainstream-Medien so behandelt. Die sich daraus ergebende Bunkermentalität hat die Scene behalten. Daraus ergeben sich bei einer Kritik a´la Sarkezian vorhersehbare Reaktionsmuster.

    Ich würde mich ja dafür interessieren, was meine Gegner antreibt bzw. antreiben könnte – und dafür war der nerdcore Text ein Einblick, der im gesamten Bereich des modernen Netzfeminismus nicht zu finden ist.

    Um das klarzustellen: Ich will Wizorek et al um Gottes Willen wirklich nicht davon abhalten, jeden gamergater als Faschisten, jeden männlichen Kritiker als Masku und jede grobe Bemerkung nur dann als Hate Speech zu bezeichnen, wenn sie sich gegen Wizoreks Feministinnen richtet. Ganz im Gegenteil, ich ermutige sie ausdrücklich, damit weiterzumachen. Und das meine ich ernst.

    Gruss,
    Thorsten Haupts

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  4. Nerdcore › Updates, Anmerkungen und Kritiken zu „There will be Blood“

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