Lesenswert! #2: Zawia, Frank, Chapman, Lüscher, Widler, Geuter

Weitere lesenswerte Beiträge in meiner persönlichen Linkliste. Die meisten werden Sie schon kennen.

In vielen verlinkten Artikeln wirkt das Thema Germanwings 4U9525 noch nach, aber so langsam entfernen wir uns davon.

Donnerstag, 2. April 2015

Alexandra Zawia, freie Journalistin (Wiener Zeitung, FurcherayÍpsilon) macht sich Gedanken über das Sterben in Zeiten des Echtzeitjournalismus:

Das Sterben ist längst ein Echtzeit-Event im sozialen Netzwerk, eine rekonstruierte Show der sensationsorientierten Berichterstatung, ein Spektakel zum „Nach-Fühlen“, in dem es keine Hierarchisierung, keine Einordnung, keine Erklärung mehr gibt.

Sie gibt auch konkrete Tipps, wie man selbst „Vorkehrungen“ treffen kann.


Joachim Frank, Chefkorrespondent der Zeitungsgruppe DuMont und Autor der Frankfurter Rundschau, konkretisiert in einem Interview mit Eva Baumann-Lerch seine Ideen für einen überarbeiteten Pressekodex, die er als Vorsitzender der Gesellschaft Katholischer Publizisten vor einigen Tagen angedeutet hatte (siehe Lesenswert! #1):

Ich stelle mir eine Art Checkliste vor, die in jeder Redaktion für den Katastrophenfall in der Schublade liegt. Darin werden kritische Fragen zur Berichterstattung im Katastrophenfall festgeschrieben: (…)

So eine Checkliste könnte von den Journalistenverbänden gemeinsam mit dem Deutschen Presserat erarbeitet und Vorlage einer freiwilligen Selbstverpflichtung für die Journalisten von Qualitätsmedien werden.

Die Idee, den Redaktionen einfach eine Checkliste in die Schubladen zu legen, überzeugt mich nicht. Auch nicht in Kombination mit der Selbstverpflichtung. Als ob der aktuelle Pressekodex die Grundsätze für einen ethisch korrekten Journalismus nicht bereits klar und deutlich definieren würde.


Freitag, 3. April 2015

Nachdem der letzte Off-the-Record-Artikel (siehe Lesenswert! #1) aufgrund seiner Kollegenschelte für einigen Unmut sorgte, ergänzt Matthias Chapman, Nachrichtenchef beim Tagesanzeiger, darunter in einem Kommentar:

Herablassende und abgehobene Kommentare zum News-Journalismus (…) sind deshalb fehl am Platz. Wer es besser haben will, soll sein Einzelbüro verlassen und sich freiwillig am Newsdesk melden beim nächsten Mal, wenns so richtig hektisch wird.

Da das viele Kritiker immer noch nicht so ganz überzeugt…

…erklärt Christian Lüscher , um was es dem Tagesanzeiger bei der Kritik an der Kritik von Kollegen nochmal genau geht:

Es geht um die Kollegen in der eigenen Zunft, die Reflexe bedienen, statt zu hinterfragen. Die Analysen abliefern, die einfach unglaublich oberflächlich sind. Die Dinge kritisieren, die nicht sind. Die Folge: Die Leser greifen das auf und decken uns damit ein. Verweisen noch auf diese “Experten” und hauen uns das dauernd um die Ohren. Resultat: Wir wünschen uns eine Medienkritik von Kollegen, die reflektiert ist. Wir wünschen uns Kritik, die mehr tut als sich empört über Dinge, die nun wirklich nicht sind.

Ich bezweifle, dass die Debatte damit beendet ist. Es ist immer unklug, Kritik dadurch zu begnegnen, dass man den Kritikern das Recht auf Kritik abspricht.


Samstag, 4. April 2015

Yvonne Widler, Redakteurin bei NZZ.at und Chefredakteurin von paroli, über das „Ersatzfach“ Ethik an einem Wiener Gymnasium:

Direktor Braunstein und sein Team hätten von den Schülern bisher nur Unterstützung erfahren. Da sei kein einziger gekommen und habe sich aufgeregt, warum hier zwei Stunden mehr Unterricht sind als in anderen Schulen. „Die Kinder saugen Ethik auf wie ein Schwamm.“ Auch von Elternseite seien die Reaktionen durchwegs positiv. Bei den Lehrern allerdings war das nicht so einfach. (…)


Sonntag, 5. April 2015

Jürgen Geuter, Autor und Wissenschaftler an der Uni Oldenburg, erinnert uns an unsere ethische Verantwortung im Internet:

Wir haben viele dieser Entschuldigungen, mit denen wir versuchen, Inhalte, die wir verbreiten, ihres Kontextes zu entkleiden. Meine liebste ist sicherlich der Eintrag in der Twitterselbstbeschreibung: „RT≠Zustimmung“. (…) Aber so funktioniert Kommunikation nicht.


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Lesenswert! #1: Filipovic, Frank, Khunkham, Fromm, Niggemeier, Grimm, Sahlender, Neumann, Lübberding, Prinzing, Wyss, Kappes, Meng, Lüscher

Weitere lesenswerte Beiträge in meiner persönlichen Linkliste. Die meisten werden Sie schon kennen.

Bei allen Links geht es um die Berichterstattung nach dem Absturz von Germanwings 4U9525 und die Kritik der Öffentlichkeit.

Ich verspreche, mich in Zukunft auch anderen Themen zu widmen ;)

Freitag, 27. März 2015

Alexander Filipovic, Professor für Medienethik an der Hochschule für Philosophie München, erklärt warum er die Medien- und Journalismuskritik dieser Tage kritisiert:

Aber ist diese Form der Medienkritik hier eigentlich hilfreich oder gehört sie nicht mit zum großen Empörungskarussell, in dem die Empörung über den Absturz eine Ebene höher (bzw.: tiefer) auf der Ebene der Reflexion auf die Berichterstattung nochmal und im Modus moralischer Erhabenheit stattfindet? Würde es nicht helfen, auch in der Medienkritik ein wenig herunterzufahren? Wenn Medienkritik selbst ein Aufreger wird, dann lautet mein Urteil: Überengagiert!

Aus diesem Grund versuche ich in meiner Medienkritik immer sachlich zu bleiben. Wenn ich mich ständig empören und bei jeder Gelegenheit „Skandal!“ schreien würde, bekäme ich kurzfristig zwar mehr „Likes“, richtig zuhören wird dann aber niemand mehr.


Joachim Frank, Vorsitzender der Gesellschaft Katholischer Publizisten, schlägt angesichts des Unglücks von Germanwings 4U9525 eine Überarbeitung des Pressekodex vor:

Über Kanäle wie Youtube und Twitter oder die sozialen Netzwerke seien eine bisher ungekannte Fülle von Informationen und persönlichen Daten überall in Echtzeit verfügbar. „Das stellt uns Journalisten vor neue Herausforderungen“, sagt Frank

Nach Ansicht der GKP bedürfen insbesondere die Ziffer 8 des Pressekodex über den Schutz der Persönlichkeitsrechte (…) einer Überarbeitung und Ergänzung

Mir leuchtet nicht ein, warum der Pressekodex überarbeitet werden muss, nur weil persönliche Daten im Internet auffindbar sind. Als ob das an den ethischen Grundsätzen etwas ändern würde. Genauso unklar ist mir, welche konkrete „Überarbeitung“ von Ziffer 8 hier eigentlich gefordert wird.


Kritsanarat Khunkham, Redakteur bei der WELT, gewährt einen Einblick in seine Arbeit und seine Gefühle nach einer Katastrophe:

Für all diejenigen, die tatsächlich glauben, Katastrophenjournalismus würde Spaß machen


Anne Fromm, Medienredakteurin bei der taz, fühlt sich bei der Berichterstattung zu 4U9525 an den Amoklauf von Erfurt im Jahr 2002 erinnert. Ein Ereignis, dass Sie damals auch ganz persönlich betroffen hatte.

In diesem Zusammenhang kann man auch nochmal Anne Fromms Interview mit Pfarrerin Ruth-Elisabeth Schlemmer aus dem Jahr 2012 empfehlen.


Sonntag, 29. März 2015

Stefan Niggemeier, Medienjournalist (stefan-niggemeier.de), hat mehr Fragen als Antworten:

Obwohl es ein sehr kluger Beitrag ist, hätte ich tatsächlich mehr Antworten von Herr Niggemeier erwartet.


Montag, 30. März 2015

Imre Grimm, Redakteur bei der Hannoverschen Allgemeinenbemerkt eine Maßlosigkeit auf beiden Seiten der Medienkritik und entdeckt den Wert der Stille:

Hinter der Paywall der HAZ. Deswegen aber nicht weniger lesenswert.


Dienstag, 31. März 2015

Anton Sahlender, Leseranwalt der Main-Post, verteidigt die Entscheidung gegen eine identifizierende Berichterstattung gegenüber einem Leser:

Ich finde das deshalb so bemerkenswert, weil Medien wie die BILD ebensolche Leserzuschriften als Begründung für eine identifizierende Berichterstattung nennen. Nach dem Motto: Das Publikum will die privaten Details von Tatverdächtigen, also liefern wir sie. Anton Sahlender zeigt, dass man den Pressekodex gegenüber seinen Lesern sehr wohl auch verteidigen kann.


Andy Neumann, Vorsitzender des Bundes Deutscher Kriminalbeamter / Verband Bundeskriminalamt, kritisiert die BILD-Zeitung für das Aussenden einer „Armee von Detektiven“ und sieht darin ein Verstoß gegen den Pressekodex:

Und diese Armee von Detektiven, (…), denkt tatsächlich, sie macht nur ihren Job. Warum? Weil es Chefs wie Sie sind, die ihnen sagen, dass das ihr Job ist! Dass „die Öffentlichkeit ein Recht hat, das alles zu erfahren“, dass „die Nennung des Namens und/oder die vollständige Abbildung (…) gerechtfertigt ist“ – wenn (nach „Nr. 4“, wo immer Sie die herzaubern, im Pressekodex finde ich sie jdf so nicht, dafür zig beachtliche Formulierungen, mit denen ich Sie rhetorisch an die Wand nageln könnte) Voraussetzungen erfüllt sind, die Sie als erfüllt konstatieren. Again, here´s the news: Sie sind es nicht!

Frank Lübberding, Journalist und Autor, verteidigt die BILD-Zeitung gegen die Kritik von Neumann, und sieht ihn als Teil einer „Laienspielschar“:

In meinen Kommentar unter dem Artikel versuche ich, Lübberding an die tatsächlichen Aussagen der Staatsanwaltschaften im Fall 4U9525 zu erinnern.


Prof. Dr. Marlis Prinzing, Journalistik-Professorin an der MHMK, sieht die Notwendigkeit eines medienethischen Kompass, nicht nur für Journalisten, sondern auch für das „Publikum“:

JEDER, der publiziert, einen Bericht oder einen Kommentar, sollte wissen, was er damit auslösen kann; und jeder, der Medienbeiträge nutzt, sollte sich klar sein, dass er auch durch sein Verhalten als Konsument dazu beiträgt, welche Art(en) von Journalismus es gibt.

In den Kommentaren unter dem Artikel sieht man die Hauptverantwortung jedoch bei den Journalisten:

Wer höhlt den Journalismus eigentlich mehr aus als die Journalisten selber? (…) Und da wollen Sie Frau Dr. Prinzing allen Ernstes behaupten, dieser Beruf werde entwertet? Das erledigen die Journalisten doch viel besser selber.

Für mich ist es unverständlich, wie man einen medienethischen Kompass fordern kann in der aktuellen Diskussion. Für Journalisten gibt es bereits den Pressekodex. Der wird heutzutage nur etwas anders „interpretiert“. Und das „Publikum“ scheint der Presse in ethischen Dingen oft sehr weit voraus zu sein, wie die Kommentare unter Blumencrons Rechtfertigungsartikel zeigen.


Prof. Dr. Vinzenz Wyss, Journalistik-Professor an der ZHAW, bewertet die aktuelle Medienkritik und ihre Folgen auf die Presselandschaft durchweg als positiv:

Mit dem Internet hatten wir dann Empörungsberichterstattung. Ich stelle fest, dass sich das auch geändert hat. In diesem Fall Germanwings haben wir tatsächlich in der Blogosphäre sehr seriöse, reflektierte, medienkritische Beiträge und auf der anderen Seite eine Medienbranche, die doch stark unter Druck gekommen ist und sich rechtfertigen muss, und die auch ein bisschen mimosenhaft darauf reagiert.

Während andere sich noch über die Empörung empören, findet man hier eine positive Sichtweise auf die Medienkritik im Internet.


Christoph Kappes, Publizist (christophkappes.de) und Berater (fructus-gmbh.de), hat jedenfalls keine Bedenken, das „Publikum“ in die laufenden Debatten mit einzubeziehen:

Auch Medienakteure lernen, Schritt für Schritt. Es geht insgesamt ein (Auf-) Klärungsprozess vonstatten. Die aktuelle Debatte und vor allem das Einbeziehen von Laien – wenn auch mit leichten Kollateralschäden – ist nicht besorgniserregend, sondern ermutigend.

Sein Beitrag ist in vielerlei Hinsicht lesenswert. Ich könnte ohne Probleme zehn weitere kluge Zitate aus dem Text entnehmen.


Mittwoch, 1. April 2015

Dr. Richard Meng, Sozialwissenschaftler und Publizist, erwartet mehr Medienkompetenz von der Gesellschaft:

Gegen Sturmwellen hilft nur Standfestigkeit. Es gibt keinen anderen Weg, als Medienkompetenz – gesellschaftlich betrachtet – eben nicht nur als Konsumkompetenz zu verstehen, sondern auch als Einordnungskompetenz. Als die Stärke, Geschwätz (und sei es „Experten“-Geschwätz) von Informationen zu unterscheiden.

Aber ist nicht gerade die aktuelle Medienkritik, die in Teilen eben nicht nur empörend, sondern auch sachlich geäußert wird, ein Anzeichen dafür, dass diese Einordnungskompetenz beim Konsumenten schon vorhanden ist?


Donnerstag, 2. April 2015

Christian Lüscher, Medienjournalist beim Tagesanzeiger, stört sich an den Kritikern aus den eigenen Reihen:

Es sind Journalistenkollegen, die eigentlich nicht im klassischen Newsgeschäft arbeiten. Die auffallend oft in gebühren- oder in stiftungsfinanzierten Werkstätten arbeiten. Sie pflegen eine gar überromantische Vorstellung von Journalismus, erheben gerne den Moralfinger und fallen durch Besserwisserei auf. Sie diffamieren legitime Ursachenforschung als Spekulation.

Anstatt die Kritik als „untauglich“ zu deklarieren, hätte man sich im „Medienblog der TA-Redaktion“ mit ihr aber auch mal konkrekt auseinander setzen können.


Zum Abschluss eine Erinnerung von Dennis Horn, Journalist bei der ARD, an die kommende Medienethik-Reihe bei ARD-alpha:


Update vom 4. April 2015, 14:30 Uhr: Ich habe den Google+-Post von Kritsanarat Khunkham durch den entsprechenden Twitter-Post ersetzt, da die Seite auf Smartphones damit besser dargestellt wird.


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Lobende Worte in stürmischen Zeiten: Eine positive Medienkritik

TLDR: Nach einer anstrengenden und aufwühlenden Woche für die Presse und weil sich alle Medienkritiker nur auf die negativen Dinge zu konzentrieren scheinen, wird es Zeit für lobende Worte.

In einer Zeit, in der jeder ein Medienkritiker ist, findet man zwischen der Empörung und den wüsten Beschimpfungen durchaus auch konstruktive Kritik. Doch selbst bei den sachlichsten Beiträgen wird eine negative Grundhaltung gegenüber der aktuellen Berichterstattung deutlich. Nach dem Unglück von Germanwings 4U9525 scheint niemand mehr ein gutes Wort für die Presse übrig zu haben.

Aber wenn Kritik laut Definition doch negativ und positiv sein kann, wieso gibt es dann überhaupt keine positive Medienkritik?

Medienkritikern scheint es allgemein schwer zu fallen, sich lobend oder anerkennend über die Presse zu äußern. Wie sonst könnte man erklären, dass eine Google-Suche nach „positive Medienkritik“ gerade einmal neun Treffer liefert. Neun Suchtreffer! Wohlgemerkt nicht nur bezogen auf die aktuelle Debatte. Nein. Weltweit und seit Beginn des Internets wird der Begriff gerade einmal neunmal erwähnt:

Positive Medienkritik bei Google

Gab es nicht mal ein Spiel bei „Schlag den Raab“, bei dem die Kontrahenten jeweils einen Begriff nennen mussten und am Schluss derjenige gewann, dessen Begriff am wenigsten Google-Ergebnisse liefert? Mit „positive Medienkritik“ läge man gut im Rennen.

Aber jetzt mal im Ernst.

Wieso sehen Medienkritiker immer nur die negative Seite und blenden die positive aus? Wie kommt es, dass wenn ein Schüler aus Haltern von seinen Erfahrungen mit den Journalisten vor Ort berichtet, ein angesehener Medienjournalist nur negative Punkte herauspickt? Wenn man den Beitrag von Mika Baumeister genau liest, findet man darin nämlich auch zahlreiche positive Bemerkungen. Er lobt explizit ein Fernsehteam, das einen gebührenden Abstand wahrte:

Vorbildlich verhielt sich anfangs N24. Mit einem kleinen Abstand von etwa 4 Metern zur eigentlichen Grenze (die oft bis zum letzten Zentimeter genutzt wurde) war die Berichterstattung genauso gegenwärtig für das Publikum vor der Mattscheibe, dabei aber deutlich weniger störend für die Anwesenden.

Es scheint, als habe Wolfgang Michal recht, wenn er den Medienkritikern Opportunität vorwirft:

„Unter dem Einfluss der Empörten haben aber nicht nur die professionellen Medien, sondern auch die professionellen Medienkritiker ihre Maßstäbe verloren (…). Seit die mediale Gewichtung des Weltgeschehens nicht mehr nach Relevanzkriterien erfolgt, sondern dem Boulevardprinzip unterliegt, gilt auch für viele Medienkritiker die Opportunitätsregel: Nur was aufregt, greifen wir auf.“


Bei all der negativen Kritik möchte ich deshalb jetzt ein Lob aussprechen:

Ein Lob an alle Mitarbeiter der Verlage und Fernsehsender, die sich um eine ehrliche und ethisch vertretbare Arbeit bemühen, weil es eine Selbstverständlichkeit ist. In den Redaktionen, aber auch vor Ort bei den Recherchen.

So berichtet Walter Korth, Kameramann beim ZDF, im Radio Eins Medienmanagazin (Ausgabe vom 28.03.2015, Audio, ab 13:22), dass es bei der Berichterstattung in Haltern sehr wohl moralische Grenzen gab und sich nicht nur einzelne, sondern die Mehrheit der Journalisten korrekt verhalten haben:

Ein Beispiel: Die Pressesprecherin der Polizei in Haltern (…) kam heute [28.03.2015] auf uns Journalisten zu, als die Ersten weinend aus der Kirche raus kamen (…) und hat gesagt: „Ihr wisst doch (…) wir hatten doch die Verabredung nicht zu drehen…“ Und meines Wissens hat es auch keiner gemacht von denen, die mit uns in der sogenannten „Meute“ standen.


Ein Lob an Michael Klein, Nachrichtenchef der Zeitungsgruppe Lahn-Dill, der auf eine identifizierende Berichterstattung bis auf Weiteres verzichtet und versucht, Kollegen, die anderer Meinung sind, zu überzeugen:


Ein Lob an Michael Reinhard, Chefredakteur der Mediengruppe Main-Post, der sich dem allgemeinen Trend entgegen stellt und die weiteren Ermittlungen erstmal abwartet:

Ja, wir haben es uns genau überlegt und bleiben zum jetzigen Zeitpunkt bei unserer Haltung. Wir sind der Meinung, dass es derzeit weder einer Namensnennung noch eines Fotos des 27-Jährigen bedarf, um alle Hintergründe zu dem furchtbaren Geschehen journalistisch fundiert auszuleuchten. Wohlwissend, dass wir damit eine Außenseiterposition einnehmen und uns gegen einige der „großen, alten erfahrenen Partner des Tagesjournalismus“ stellen.


Ein Lob an Heribert Prantl, Mitglied im Ethikrat der Akademie für Publizistik, für die Formulierung von vier Regeln (Video, 4:15 min), „die Journalisten jetzt dringend beachten sollten“ (via MEEDIA):

1. Man darf Trauernde nicht bedrängen
2. Man darf Nachahmungstäter publizistisch nicht provozieren
3. Man muss den Ermittlungsbehörden Zeit lassen
4. Man darf jetzt nicht so tun, als würden psychische Leiden zum Massenmord prädestinieren


Ein Lob an Sandra Schink, Journalistin (co-co-cofotoMAGAZIN), die selbst einmal Opfer von „Recherchen“ wurde und deshalb einen Appell an Kollegen richtet (auch bei Carta):

Ihr habt die Möglichkeit, die Macht, den Einfluss aus dieser kranken Jagd nach Klicks und „Kondolenz-Likes“ auszusteigen. Ihr könnt aufhören aus dem Tod und dem Leid von Menschen größtmöglichen Profit zu schlagen. Denn es gehört sich einfach nicht. Und das wisst Ihr. Hört auf.


Ein Lob an Daniel Schüler, Student an der Macromedia Hochschule für Medien und Kommunikation, der mit seinem Bericht zu seiner Arbeit vor Ort in Montabaur viele zum Nachdenken gebracht hat…

(…) Ein weiterer Journalist setzt dem Ganzen für mich die Krone auf. Er fragt, wie man die Eltern nun bestrafen müsse, denn „die haben ja wohl vollkommen versagt“. In mir brodelt es. Ich gehe dazwischen, frage, was das soll.

…und nicht vergisst, Kollegen zu erwähnen, die sich korrekt verhalten:

Und doch sind zum Glück nicht alle so. Einige halten sich im Hintergrund auf, führen keine Interviews, denken einfach nur nach. Einige gehen, ohne was getan zu haben. Sie gehen ohne Foto, ohne Filmsequenz und ohne O-Ton. Sie machen es richtig, denn mehr als zu sagen, dass die Staatsanwaltschaft derzeit das Haus durchsucht, bleibt ihnen sowieso nicht übrig.


Zum Abschluss möchte ich hinweisen auf Florian Harms, Chefredakteur von SPIEGEL Online, der sich unbestätigten Berichten zufolge einer identifizierenden Berichterstattung zunächst entgegen gestellt hatte, am Ende aber nachgeben musste:

Für Florian Harms und sein hehres Aufbegehren gegen die allgegenwärtige Praxis der Täteridentifizierung war das wohl hochnotpeinlich. Er musste seine Doktrin der Anonymisierung aufgeben, gezwungenermaßen, weil Spiegel Online sich schlecht im Widerspruch zum Print-Magazin profilieren konnte, ohne der Marke insgesamt Schaden zuzufügen. Harms beugte sich, aber nur halbherzig, nach Art von Zöllnern im Bummelstreik.

Ich erwähne das deshalb, weil ich glaube, dass viele Journalisten Gewissensbisse haben, jedoch nicht in der Position sind, für eine gesamte Redaktion oder einen gesamten Verlag entscheiden zu können. Viele Journalisten müssen sich unterordnen, obwohl sie alleine anders entschieden hätten. Das sollten wir nicht vergessen.


Ich bin mir sicher, dass es noch viele weitere positive Geschichten im Rahmen der Berichterstattung zu Germanwings 4U9525 gibt. Wenn Sie welche kennen, sind Sie herzlich eingeladen, diese unter diesem Blogpost zu ergänzen. Alternativ können Sie auch einfach über #PositiveMedienkritik twittern.

Oder sind Sie vielleicht selbst Journalist und von der aktuellen Medienkritik erschlagen? Dann schreiben Sie doch einen Kommentar und geben Sie einen Einblick in ihre Arbeit und ihre Gedanken. Jeder Beitrag ist willkommen.

Ich wünsche Ihnen allen besinnliche Ostertage!

Aus der ethischen Debatte um den Pressekodex wird eine juristische Diskussion

Der aktuelle Streit um den Pressekodex im Rahmen des Unglücks von Germanwings 4U9525 ist nicht nur eine ethische Debatte, es ist auch eine juristische. Meine Diskussion mit Paul-Josef Raue, Chefredakteur der Thüringer Allgemeine, auf seinem Blog „Das neue Handbuch des Journalismus und Online-Journalismus“:

http://www.journalismus-handbuch.de/hat-ein-toter-mit-seinem-namen-noch-persoenlichkeitsrechte-zur-debatte-um-den-namen-des-kopiloten-6454.html

Was traditionelle Medien verlieren, wenn sie die Persönlichkeitsrechte von Tatverdächtigen respektieren…

Führende Medienvertreter werden nicht müde zu betonen, dass es für ihre Berichtstattung über das Unglück von Germanwings 4U9525 notwendig sei, den vollen Namen und private Bilder des Kopiloten zu zeigen:

Kai Diekmann und Julian Reichelt, BILD:

Wir glauben auch, dass es richtig ist, den Täter Andreas ▇▇▇▇▇ zu zeigen. […] Zu wissen, wer für das Verbrechen verantwortlich ist, welcher Mensch die Tat begangen hat, ist essentiell für die historische und emotionale Aufarbeitung.

Mathias Müller von Blumencron, FAZ:

Die Lösung ist nach gegenwärtigem Stand nur in der Person des Kopiloten zu finden. Wir müssen uns mit ihm beschäftigen, wir müssen ihn ansehen, wir dürfen ihn sehen.

Aber stimmt das? Ist das wirklich „essentiell“ für die Berichterstattung? Was würden die Medien denn hier im konkreten Fall verlieren, wenn Sie die Persönlichkeitsrechte von Tatverdächtigen respektieren und auf die Nennung von privaten Details verzichten würden?

Es stellt sich heraus: Nicht viel.

Ich habe einmal zwei aktuelle FAZ-Artikel bearbeitet, die sich ausführlich mit Andreas L. beschäftigen:

Anonymisierter FAZ-Artikel (1) Anonymisierter FAZ-Artikel (2)

(Auf eine vollständige Artikeldarstellung habe ich verzichtet, um im Rahmen des Zitatrechts zu bleiben)

Man sieht, dass nicht viel verloren geht, wenn man alle identifizierenden Merkmale von Andreas L. aus den Artikeln entfernt.  Die Texte sind weiterhin gut lesbar und enthalten alle relevanten Informationen. Keine der Aussagen wird verändert. Die Autoren können auch bei Wahrung der Persönlichkeitsrechte munter spekulieren und ausführlich berichten.

Im Grunde müssten Medien wie die FAZ einfach nur die Namen abkürzen und auf die Veröffentlichung von privaten Facebook-Bildern verzichten.

Ist das wirklich zu viel verlangt?

(Dieser Artikel ist Teil einer Reihe, in der ich mich mit dem journalistischen Berufsethos und dem Pressekodex vor dem Hintergrund des Unglücks von Germanwings 4U9525 beschäftige.)

Wenn etablierte Medien sich vom journalistischen Berufsethos verabschieden, er von den Lesern aber noch eingefordert wird…

TLDR: Im Fall des tatverdächtigten Kopiloten vom Flug Germanwings 4U9525 verabschieben sich reihenweise alle etablierten deutschen Medien vom journalistischen Berufsethos. Ihre Begründungen dafür sind sehr schwach und überzeugen die meisten Leser nicht.

So rechtfertige gestern auch Mathias Müller von Blumencron in einem zweiseitigen Artikel die Entscheidung der FAZ, den Kopiloten bereits drei Tage nach dem Unglück als Täter zu behandeln und ihm alle Persönlichkeitsrechte abzuerkennen.

Denn für Blumenkron ist klar:

Andreas ▇▇▇▇▇ ist der Mann, der 149 Menschen und sich selbst in den Tod gerissen hat. […] Er hat sie verursacht – das steht laut den Ermittlern fest.

Hmm. Haben die Ermittler das wirklich so klar dargestellt? Gab es da keine relativierenden Worte? Äußerungen, die darauf hindeuten, dass auch andere Erklärungen möglich sind? Hinweise darauf, dass es sinnvoll wäre, erstmal die weiteren Ermittlungen abzuwarten, bevor man ein abschließendes Urteil spricht?

Der französische Staatsanwalt Brice Robin in seiner Pressekonferenz am 26.03.2015:

„Unsere wohl plausibelste Deutung geht dahin, dass […].“

„Das Verhalten des Co-Piloten könne man so werten , dass […].“

„Nach den derzeitigen Ermittlungen gebe es keinen Hinweis auf […].

Das klingt mir aber nicht danach, das alles klar ist. Eher danach, dass hier ein Staatsanwalt eine erste eigene Interpretation bekannt gibt auf Basis der aktuellen Ermittlungen. 48 Stunden nach dem Unglück.

Wurden denn überhaupt schon alle entscheidenden Beweise berücksichtigt?

Der zweite Flugschreiber sei noch nicht gefunden.

Oh.


Wäre es hier nicht angebracht, etwas zurückhaltender zu berichten, Herr Blumencron? Es kommt mir so vor, als stünden die Ermittlungen erst am Anfang, wären wichtige Beweismittel noch gar nicht ausgewertet.

Blumenkron:

Von dieser Faktenlage müssen wir im Moment ausgehen. […] Die Lösung ist nach gegenwärtigem Stand nur in der Person des Kopiloten zu finden.

Sie sagen es doch selbst: „Faktenlage“, „gegenwärtige[r] Stand“.

Wenn ein Tatverdächtiger bereits zwei Tage nach der Tat von den Medien als Täter bezeichnet wird, obwohl die Ermittlungen erst begonnen haben, und wichtige Beweismittel wie der Flugdatenschreiber überhaupt noch gar nicht vorliegen, hätte das nicht bedenkliche Folgen?

Blumenkron:

Wer bei Google den Allerweltsnamen Andreas eingibt, erhält schon in der Vorschlagsfunktion nahezu alle wichtigen persönlichen Parameter des Kopiloten der Germanwings-Maschine: Nachname, Wohnort, Beruf.

Haben Sie das jetzt im Ernst geschrieben? Völlig unkritisch? Völlig unreflektiert? Als wäre es eine Selbstverständlichkeit?

Ist es nicht beängstigend, dass Andreas L. bereits für alle als Täter feststeht und alle persönlichen Details öffentlich verfügbar sind? Haben Medien hier nicht die Pflicht zu hinterfragen, wieviel sie selbst zu solch einer Vorverurteilung beitragen und ob das moralisch vertretbar ist?

Blumencron:

Wer es ernst meint mit seinem Job in dieser Branche, der hat die Pflicht zur Aufklärung. Nicht nur bei Unglücken, sondern auch bei jedem anderen relevanten Vorfall. Die Presse, und dazu gehören alle, die mit ernsthaftem Anspruch in diesem Bereich tätig sind, ob Blogger oder Redakteure, ist ein riesiges Unternehmen Aufklärung.

Pflicht zur Aufklärung. Ja. Aber um jeden Preis? Müssen nicht immer auch ethische Gesichtpunkte berücksichtigt werden? Haben Journalisten denn keinen Berufsethos, keinen Kodex, der eine journalistische Sorgfalt einfordert, der Grundsätze für die Achtung der Menschenwürde und den Schutz der Persönlichkeit definiert? Grundsätze, die in der täglichen Praxis von der Presse eingehalten werden sollten?

Zumindest ihre Leser scheinen diese Grundsätze nicht vergessen zu haben:

Henrik Braun:

[…] Falls seine Schuld einwandfrei bewiesen ist, dann sollten persoenliche Daten (z.B. Nachname) zugaenglich gemacht werden – vorher nicht. Noch sollte die Unschuldsvermutung gelten.

Peggy Sodtke:

[…] Ich kann verstehen, dass die Bevölkerung nach einer schnellen Erklärung dürstete. Aber wir sollten hier nicht vergessen, dass noch kein abschließender, vollumfänglicher Bericht hierzu vorliegt, in dem sämtliche Aspekte beleuchtet wurden. Stattdessen schlachtet die Presse (und leider auch die FAZ) den Namen, die Herkunft, etwaige Privatheiten des Copiloten aus und eröffnet so die Jagd auf den „Falschfahrer“. Und solch eine Jagd lässt sich besser vorantreiben, wenn jeder das Gesicht des Copiloten kennt. Aber weiß man dann wirklich mehr? […]

H.S. Teha:

[…] Die Würde eines Menschen ist unantastbar, egal wer das ist, und was er getan hat. Ausserdem liegen nur Meinungen eines Staatsanwaltes vor. Die BEA hat diese Interpretationen bisher nicht bestätigt, noch entsprechende Beweise vorgelegt. […]

Felix Palmen:

[…] Was ich gar nicht verstehe ist die Behauptung, man sei das „den Opfern schuldig“. Inwiefern hilft es denn den Opfern? Was genau ist relevant daran, dass alle Welt Namen und Aussehen kennt? […]

Lars Tragl:

[…] Welche gesicherten Quellen für die Täterschaft des Copiloten gibt es denn noch, außer der Aussage eines französischen Staatsanwalts? Wenn denn alles so glasklar auf der Hand liegt, warum gibt es kein Transkript der Voicerecorderaufzeichnungen? Mir ist das bei aller Offensichtlichkeit zu schnell zu eindeutig. […]

Josef Lehmen:

[…] Zum jetzigen Wissensstand finde ich die Veröffentlichung der Bilder und des Namen des Co-Piloten als unverschämt. Wie steht die Presse denn da, wenn sich aus irgendwelchen Gründen auch immer herausstellt, dass der Pilot keinen Suizid begangen hat?

(Zitate von der ersten von insgesamt zehn Kommentarseiten unter dem Artikel)

Insgesamt eine interessante Diskussion, die sich zu führen lohnt. Mit Journalisten, aber auch mit Lesern. Zum Beispiel in den Kommentaren unter Blumencrons Artikel:

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden

Oh.

Hinweis: Der Nachname von Andreas L. wurde von mir unkenntlich gemacht. In einem ausführlichen Artikel erkläre ich mit Hinweis auf den Pressekodex, warum die Persönlichkeitsrechte von Andreas L. weiterhin geschützt werden müssen.

Wie man „Person der deutschen Zeitgeschichte“ wird

Sie wollten schon immer mal „Person der deutschen Zeitgeschichte“ werden und haben sich schon immer gefragt, wie man das wird?

Ganz einfach: Man wird von SPIEGEL Online dazu erklärt:

Der Pressekodex fordert für eine identifizierende Berichterstattung, es müsse “eine außergewöhnlich schwere oder in ihrer Art und Dimension besondere Straftat” vorliegen. Diese Voraussetzung sehen wir erfüllt, Andreas ▇▇▇▇▇ wird eine Person der deutschen Zeitgeschichte.

Update: Der Satz „Andreas […] wird eine Person der deutschen Zeitgeschichte“ wurde mittlerweile auf allen Seiten von SPIEGEL Online kommentarlos entfernt. Er taucht aber noch in den Google Suchergebnissen auf:

Spiegel Online Andreas L Person der Zeitgeschichte

Hinweis: Der Nachname von Andreas L. wurde von mir unkenntlich gemacht. In einem ausführlichen Artikel erkläre ich mit Hinweis auf den Pressekodex, warum die Persönlichkeitsrechte von Andreas L. weiterhin geschützt werden müssen.