Über das Zurückschlagen von Empörungswellen und eine seltsame Argumentation im Fall Rönne

Anstatt sich sachlicher Argumente zu bedienen, scheint es Mode zu sein, den Debattengegner durch Fürsprecher an den extremen Rändern zu diskreditieren. Bei der Diskussion um die Bachmann-Preis-Nominierung von Ronja von Rönne beherrschen beide Seiten diese fragwürdige „Argumentationstechnik“.

Von Anna-Mareike Krause liest und hört man viel Gutes und Kluges. Doch als die Nominierung von Ronja von Rönne für den Ingeborg-Bachmann-Preis bekanntgegeben wurde, verzichtete sie auf jegliche sachliche Argumentation, sondern suchte stattdessen Befürworter von Rönnes Texten am rechten Rand:

Obwohl sich Frau Rönne klar und deutlich von diesen rechten Gruppen distanziert und sich gegen die Kritik deutlich wehrt, bricht die Empörungswelle nicht ab. Hinweise, dass es sich dabei um einen klassischen Fall von „Guilt by association“ handelt, werden ignoriert und die Stimmen gegen Rönne werden immer lauter und extremer.

Als dann Antifa-Pfarrer Hans Christoph Stoodt zum Kampflied der Französischen Revolution ansetzt [Tweet wurde gelöscht], sehen viele darin eine eindeutige Morddrohung gegen Frau Rönne und eine neue Stufe der Eskalation.

Für Don Alphonso, FAZ-Blogger, ist dafür vor allem eine Person verantwortlich: Anna-Mareike Krause. Doch obwohl er ihr vorhält, „wegen einer nicht beeinflussbaren Verlinkung unter Hunderten eine Autorin und den Vorsitzenden der Bachmann-Jury in die Nähe von Rechtsradikalen zu stellen“, bedient er sich genau derselben Argumentationstechnik: Er stellt Frau Krause in die Nähe der Antifa, weil ihre Behauptungen von dieser Gruppe „ganz offen verbreitet“ werden.

Und er geht noch einen Schritt weiter: Obwohl Frau Krauses Twitterprofil eindeutig als privater Account erkennbar ist, bittet er die Pressestelle ihres Arbeitgebers tagesschau.de um eine Stellungnahme zu dem Fall. Ein Chef der entsprechend zuständigen Abteilung stellt überraschend klar: Dieser Account sei „privat“.

Ungeachtet dessen fordern in den Kommentaren die, die vor kurzem noch die Kündigung einer Autorin durch das Westfalen-Blatt verurteilten, nun von der ARD die Kündigung von Frau Krause. Natürlich.


Und die Rolle der Medien? Wird von Stefan Niggemeier berechtigterweise hinterfragt:

Ulf Poschardt von der WELT schreibt sich daraufhin in Rage, löscht aber dann doch einen seiner Tweets wieder.


Man kommt aus dem Staunen gar nicht mehr heraus. Immerhin handelt es sich bei den Diskutanten nicht um irgendwelche „Empörten“ von der Straße, sondern um die „Social-Media-Koordinatorin von tagesschau.de„, eine Bachmann-Preis-Nominierte, einen FAZ-Blogger und den stellvertretenden Chefredakteur der WELT-Gruppe. Man fragt sich dann schon: Ist das die Diskussionskultur unter den „Eliten“, die uns als Vorbild dienen soll?

Und Ronja von Rönne? Verkündete heute morgen die Deaktivierung ihres Blogs. „Wer wissen will warum“ solle „solange twitter lesen“. Alternativ kann man auch einfach auf ihren nächsten Artikel in der WELT warten, in dem sie vermutlich von ihren eigenen Erfahrungen mit der Hasskultur berichten wird. Spätestens dann wird sich die Empörungsspirale wieder von Neuem anfangen zu drehen.


UPDATE am 30.05.2015, 23:25 Uhr: In einer früheren Version hieß es „(…) bittet er deren Chefin Christiane Krogmann von tagesschau.de um eine Stellungnahme zu dem Fall. Diese stellt überraschend klar: (…)“. Don Alphonso hat mich in den Kommentaren darauf hingewiesen, dass diese Darstellung falsch ist. Den Text habe ich nun geändert zu „(…) bittet er die Pressestelle ihres Arbeitgebers tagesschau.de um eine Stellungnahme zu dem Fall. Ein Chef der entsprechend zuständigen Abteilung stellt überraschend klar: (…)“.

UPDATE am 31.05.2015, 00:25 Uhr: Der Tweet von Antifa-Pfarrer Hans Christoph Stoodt mit der Aussage „Adel ist was für die Laterne“ wurde mittlerweile gelöscht.

UPDATE am 31.05.2015, 00:35 Uhr: Don Alphonso erinnert in einem weiteren Kommentar daran, dass man „Angriffe in historischer Verkleidung“ wie die des Antifa-Pfarrers nicht verharmlosen sollte. Das war auch nicht meine Absicht und bitte um Entschuldigung, falls dieser Eindruck in meinem Text entstehen sollte. Der (mittlerweile gelöschte) Tweet hatte durchaus den Charakter einer Drohung.

UPDATE am 31.05.2015, 11:00 Uhr: tagesschau-Redakteur Patrick Gensing verwendet zunächst dieselbe Argumentationstechnik und sucht rassistische Seiten, die Don Alphonsos Beitrag loben, zeigt sich dann aber in den Kommentaren selbstkritisch.

UPDATE am 31.05.2015, 11:05 Uhr: Hans Christoph Stoodt verteidigt seinen mittlerweile gelöschten Tweet in seinem eigenen Blog. Da er ihn anscheinend nicht selbst gelöscht hat, drängt sich die Frage auf, ob Twitter ihn entfernen ließ, nachdem er von anderen Nutzern gemeldet wurde.

UPDATE am 31.05.2015, 20:25 Uhr: Wer an diesem Sonntagabend noch ein paar deeskalierende Worte lesen möchte, findet sie aktuell nur bei Ronja von Rönne. Falls ich noch ähnliche Äußerungen der anderen Protagonisten entdecken sollte, trage ich sie hier gerne nach.

UPDATE am 01.06.2015, 11:45 Uhr: Sehr gut passend: Anna-Mareike Krause bei einem Panel der SMW Hamburg über die Diskussionskultur und den verschärften Ton im Netz (Video vom 27.02.2015, 60 Minuten).

UPDATE am 01.06.2015, 19:30 Uhr: Vielen Dank für die bisherigen Kommentare. Wer noch etwas ergänzen möchte, darf dies gerne bis morgen Abend tun. Dann werde ich die Kommentarfunktion schließen.

UPDATE am 02.06.2015, 22:00 Uhr: Wie gestern angekündigt, habe ich die Kommentarfunktion nun geschlossen. Wenn Sie Interesse an weiteren Artikeln von mir haben, abonnieren Sie doch meinen RSS-Feed oder folgen Sie mir auf Twitter. Vielen Dank.

UPDATE am 07.06.2015, 20:15 Uhr: Dieses Thema beschäftigt mich auch in einem weiteren Blogpost: Drei Punkte: Wie Anna-Mareike Krause mit dem Shitstorm hätte umgehen sollen

UPDATE am 21.06.2015, 16:50 Uhr: Die Tweets von Frau Krause, auf die ich im obigen Text verlinke, waren bis vor kurzem noch für Jeden öffentlich sichtbar, sind nun aber geschützt. Nur noch Follower, die von Frau Krause persönlich bestätigt wurden, können die Tweets sehen. Da ich bei einer Recherche grundsätzlich von allen Tweets und Webseiten Screenshots mache, wäre es mir möglich, die Links durch Bilder zu ersetzen, so dass die Tweets weiterhin für Jeden lesbar sind. Ich entscheide mich aber dagegen, weil ich Frau Krauses Entscheidung respektiere und ihr die Wahl lassen möchte, wer ihre persönlichen Äußerungen sehen darf und wer nicht.

UPDATE am 30.06.2015, 14:00 Uhr: Ronja von Rönne erklärt in einem Interview mit Alexander Bulucz von der Faust-Kultur-Stiftung noch einmal ihren Text Warum mich der Feminismus anekelt, der die Empörung ursprünglich auslöste: „Ich hatte Wut, auf einen Feminismus, der sich (in meiner Wahrnehmung) in seiner Performanz extrem unemanzipiert zeigt und sich bereitwillig in eine Opferposition kuschelt. (…) Alleinerziehende Mütter mit einer 40-Stunden-Woche ohne Kita-Platz haben deutlich mehr Gemeinsamkeiten mit alleinerziehenden Vätern ohne Kita-Platz als mit Diskurswolken über cis-Männer und professx. Und wenn solche Problemfelder weiterhin von Frauen vertreten werden, die Artikel mit ‚mich als Frau macht das betroffen‘ beginnen, verlieren sie jede Dringlichkeit.“