Der „Winkejournalismus“ der F.A.Z. auf Periscope

Während die Queen in Frankfurt weilte und F.A.Z.-Herausgeber Werner D’Inka am Bankett teilnahm, mischten sich zwei Mitarbeiter unter das wartende „Volk“ und filmten mit Periscope. Ein Videojournalismus-Experiment, das einige Fragen aufwirft.

[Geschnittene Version (7:05 min). Das Original-Video (23:30 min) ist nicht mehr verfügbar, da alle Periscope-Streams 24 Stunden nach Ausstrahlung automatisch gelöscht werden.]

14:36 Uhr 
Andreas Krobok (AK): Wir sind live, ne? Ich kann ja schonmal anfangen zu kommentieren. Die ersten 19 haben sich schon zugeschaltet. Neben mir steht auch der Franz Nestler. Franz, sag mal Hallo!
Franz Nestler (FN): Hallo!
AK: Ich bin der Andreas Krobok. Und wir freuen uns jetzt auf die Queen in FFM.

Darf ich da gleich mal unterbrechen? Die F.A.Z. bietet hier also eine Liveübertragung des Queenbesuchs in Frankfurt? Bemerkenswert.

Benötigt man dafür nicht eine Rundfunklizenz? Wenn ich das bei Nina DiercksTobias Röttger und auch beim Heise-Verlag [2,50 €] richtig lese, scheint das der Fall zu sein, wenn „mehr als 500 Personen zeitgleich auf das Angebot zugreifen können“.

Nun wäre das für die F.A.Z. ja nicht neu. Im Jahr 2000 hatte man schonmal eine bundesweite Lizenz für das FAZ-Business-Radio beantragt. Ich kann mich auch an eine Diskussion im Jahr 2010 erinnern, bei der es unter anderem darum ging, ob die Online-Angebote von Zeitungen eine Rundfunklizenz benötigen.

Ich vermute aber, dass der F.A.Z. für ihren Periscope-Auftritt noch keine Lizenz vorliegt. Und die entscheidende Frage ist dann: Hätten die Mitarbeiter die Übertragung abgebrochen, sobald die Zuschauerzahl 500 übersteigt?

Franz Nestler bei der F.A.Z.-Übertragung des Queenbesuchs

14:39 Uhr
AK: Wer will denn eigentlich mal den Franz sehen?
FN: Ich denke, das will niemand. 
AK: Doch. Doch. Hi Franz! 
FN: Hallo! (Schwenk auf den Kameraturm des HR) 
AK: Da oben sind die weitaus schlechter aussehenden Kollegen vom Hessischen Rundfunk 
FN: He he! 
AK: He he! Ha ha!

Man merkt: Hier geht es weniger um knallharten Journalismus sondern mehr um die Unterhaltung. Aber wieso auch nicht? Diese Freiheit kann man der F.A.Z. gerne zugestehen. Mal schauen, was sie daraus macht…

14:40 Uhr
AK: Ischa schreibt auch "Könnt ihr mal umschwenken?". Das machen wir jetzt mal. Ganz langsam.
(Schwenk nach hinten. Man sieht die Menschen hinter den Absperrungen und mehrere Polizisten.)
AK: Hier sind die ganzen Leute. Da winkt uns natürlich jetzt erstmal keiner.

So banal ein Kameraschwenk auch ist, in diesem Fall finde ich ihn interessant und notwendig. Mit dem Blick auf die Absperrungen und das Polizeiaufgebot bekommt der Zuschauer ein Gesamtbild des Ereignisses. Und der Schwenk zeigt, wo die Filmenden stehen: Eben nicht vorne im Pressebereich sondern dahinter, wo auch das Publikum steht.

14:43 Uhr
AK: For our english friends: We are now at the Römerberg at Frankfurt, Germany, where the Queen Elizabeth will…
FN: Maybe we should translate "Roman Hill". It's better as "Römerberg".
AK: "Roman Hill"? Yeah, maybe.

Anlass dazu waren die vielen englischsprachigen Kommentare, die fragten „Where is this?“. Man sieht hier einerseits, dass souverän reagiert wurde, andererseits aber auch, dass es mit Periscope möglich ist, ein internationales Publikum zu erreichen. Das ist in diesem Fall gar nicht so uninteressant. Denn wenn ich das richtig sehe, bietet FAZ.net bisher keine englischsprachige Version an wie zum Beispiel SPIEGEL ONLINE.

14:45 Uhr
AK: Für die Leute, die gerade nochmal gefragt hatten, wo denn hier der Pressebereich ist: Da wo wir hier stehen, da kann jeder hin. Der Pressebereich, man sieht hier ungefähr 15 Meter vor uns, da stehen so ein paar "Weißhemden" etwas erhöht. Das sind Kollegen von der Presse, die sich sozusagen akkreditieren haben lassen vorher und die haben jetzt gleich einen etwas besseren Blick auf die Queen. Die haben aber den Nachteil gegenüber uns, das sie nicht winken dürfen. (…) Ich meine, als Pressevertreter sollte man da jetzt nicht winken
…
AK: (liest Kommentare vor) Ja, "Winkejournalisten". Genau. Lügenpresse! (lacht)

Es finde es sehr gut, dass die Lage des Pressebereichs erklärt wird, da man dadurch einen Einblick hinter die Kulissen des „Schauspiels“ erhält. Dass überhaupt auf solche Kommentare eingegangen wurde, finde ich großartig. Man hätte das auch einfach ignorieren und weiter über das Outfit der Queen sprechen können. Möglicherweise war es sogar von vornherein das Ziel der F.A.Z., den „Zirkus“ von einem weiter entfernten Standpunkt aus zu beleuchten. Mit Periscope.

Was ich aber nicht verstehe: Wieso sehen sich Krobok und Nestler nicht selbst als Pressevertreter? Sie sind Mitarbeiter der F.A.Z. und streamen live mit dem offiziellen Account. Die sind doch nicht privat sondern für ihren Arbeitgeber unterwegs. Auch wenn sie vielleicht nicht offiziell akkreditiert sind, bleiben sie doch trotzdem Mitarbeiter eines Medienhauses.

14:48 Uhr
(Leute jubeln)
AK: Ah, da isse! Dürfen wir auch winken? Wir dürfen winken, oder?
FN: Wir dürfen winken, wir sind im Volk.
AK: Yeah! (…) Bouffier… genau… und Prinz Phillip 
(…)
AK: Juhuu! Yeah!

Bin ich der einzige, der das unangemessen findet? Ministerpräsident Bouffier und die Queen treten durch die Tür und die Mitarbeiter der F.A.Z. jubeln? Und das soll in Ordnung sein, weil man sich „im Volk“ befindet? Die Regel ist mir neu. Winkt man dann auch bei einem Wahlkampfauftritt der Kanzlerin – einem Event, bei dem oft auch Fähnchen geschwungen werden und gejubelt wird?

Das ist ganz bestimmt nicht mein Verständnis von einem journalistischen Berufsethos und von kritischer Distanz. Aber gut, ein Problem mit der fehlenden Distanz während dem Queenbesuch hatten auch andere.

14:51 Uhr
AK: Liebe Julia, im Büro. Wir sind halt aufgeregt hier draußen. (an FN gerichtet) Die Julia hat uns gerade ein bisschen zur Ruhe gemahnt. Sie ist halt im Büro, ne, und wir sind hier draußen und wir sind quasi live dabei, wo ja die Action stattfindet.
FN: Ich glaube Julia ist einfach eine Kostverächterin.

Aha, interessant. Da war ich also doch nicht alleine. Da gab es anscheinend aufgrund des Jubels eine Intervention von der „Regie“ aus der F.A.Z.-Redaktion, mit der die beiden Kollegen vor Ort verbunden sind.

Wir sprechen also durchaus von einem professionellem Videojournalismus: Zwei „Reporter“ vor Ort und eine „Regie“ im Hintergrund. Wer hätte das von der F.A.Z. erwartet? Naja, ganz verwunderlich ist es nicht. Immerhin war Andreas Krobok jahrelang Leiter Audio/Video bei dpa-AFX.

Kollegin von Antenne Bayern

14:52 Uhr
AK: Hier ist jetzt ne Kollegin von Antenne Bayern
(Junge Frau kommt ins Bild)
AK: Hallo! Du bist live drauf, ne?
Kollegin: Live nicht!
AK: Doch! Hier ja. 
Kollegin: Achso, ich bin live drauf?
AK: Ja, live auf F.A.Z.! Liest du die F.A.Z.?
Kollegin: Natürlich lese ich die F.A.Z.
AK: Auch in München?
Kollegin: Ja, bin ja selber Journalistin.

Lustig: Die Kollegin vom Radio dachte erst, „Du bist live drauf“ sei als Frage an sie gerichtet, dabei wurde sie (korrekterweise!) darüber aufgeklärt, dass sie gerade selbst live zu sehen ist. Weltweit. Von allen, die der F.A.Z. auf Periscope folgen.

14:56 Uhr
AK: Welches Medienhaus wir sind? Wie kann man das nicht wissen? Achso. Es gibt auch Leute, die nur über Periscope kucken, ne? Also: Wir sind vom Medienhaus F.A.Z.. For the english ones: This is Frankfurter Allgemeine Zeitung. Maybe the best newspaper in the world.
FN: Yeah. Why say maybe.
AK: Probably. Ja, ist probably.
FN: I've kind of wondered.
AK: I mean yes. It is. Also es gibt natürlich viele jüngere Leute, die die Frankfurter Allgemeine Zeitung noch nicht für sich entdeckt haben. Aber letztlich ist das eine Frage der Zeit.

Ok. Das ist natürlich ein peinliches Eigenlob. Es zeigt aber, dass die F.A.Z. ihren Periscope-Auftritt wohl auch als Marketing in eigener Sache versteht. Aber wenn man in Zukunft professioneller auftreten und das Videostreaming ernster nehmen möchte, sollte man sich selbst nicht als „die beste Zeitung der Welt“ bezeichnen.

14:58 Uhr
(Schwenk über die Menschen im Publikum)
AK: Kucken schon auch alle ein bisschen… Ich will jetzt ja auch nicht alle zeigen… obwohl wir sind ja jetzt auch auf einem öffentlichen…
(Fokus auf einen Mann, der in der Menge steht und mit neutralem Gesichtsausdruck nicht nach vorne sondern ganz woanders hinschaut)
AK: Kuck mal er hier zum Beispiel… Er kuckt auch schon ein bisschen… (atmet laut ein)
FN: Ja, dauert auch alles zu lang.

Der Fokus auf einzelne Personen im Publikum ist natürlich heikel. Da man das Recht am Bild respektieren muss und ein Einverständnis der Personen vor dem Filmen benötigt, kann das spontane Videostreaming rechtlich schwierig werden. Andreas Krobok wollte hier wohl „Wir sind ja jetzt auf einem öffentlichen Platz“ sagen und zeigt damit das nötige Bewusstsein für dieses Thema. Beim Besuch der Queen in Frankfurt kann man meiner Meinung nach sogar von einem Ereignis der Zeitgeschichte sprechen. In so einem Fall benötigt man kein Einverständnis der gefilmten Personen.

Man sieht aber, dass es beim Videostreaming nicht reicht, nur die Kamera ruhig zu halten. Während es den meisten beim Thema Periscope nur darum geht, ob man damit kostenlos Fußball schauen kann, müssen sich die, die professionelle Videoinhalte produzieren möchten, mit vielen Fragen beschäftigen: Was darf ich filmen? Wen darf ich filmen? Was sind besonders geschützte Personen? Was sind besonders geschützte Lebensräume? Wann gelten Personen als „Beiwerk“? usw.

Und das sind nur die rechtlichen Fragen. Wenn man beginnt, auch noch über moralische Fragen nachzudenken, die vor allem bei Unfällen und Katastrophen eine Rolle spielen, merkt man: So einfach mit dem Videostreaming ist es dann doch nicht. Wenn man sich wirklich ernsthaft damit beschäftigen möchte, landet man am Ende bei den journalistischen und ethischen Grundsätzen, die bei einer Ausbildung zur Kamerafrau bzw. zum Kameramann vermittelt werden.

Hinzukommen weitere Anforderungen, die man bei klassischen Fernsehübertragungen so eigentlich nicht kennt. Bei Periscope sind Kommentar und Kamerabild nämlich untrennbar miteinander verbunden. Beides kommt in der Regel von derselben Person. Und als ob das nicht schon schwierig genug ist, wird von dieser Person auch noch erwartet, dass sie während der Liveübertragung auf die zahlreichen Kommentare eingeht und mehrsprachig darauf antwortet.

Es ist gerade der unverfälschte Livecharakter von Periscope, der das Einhalten von journalistischen und ethischen Grundsätzen enorm erschwert. Die Frage bei Periscope ist deshalb weniger, wie man den Einsatz für das Publikum möglichst interessant macht oder wie man diese neue Technik geschickt für das Marketing in eigener Sache verwendet, sondern vielmehr wie eine Qualitätssicherung unter Live-Bedingungen aussehen kann.


Ich glaube, was wir erleben ist erst der Anfang des massenhaften Videostreamings. Bestimmt arbeiten Periscope, Meerkat und andere schon an neuen Versionen, die mehr Möglichkeiten bieten. Zum Beispiel die Unterstützung von mehreren Kameras oder eine Zeitverzögerung, die Raum für „Korrekturen“ lässt. In naher Zukunft wird es sicherlich auch die ersten Paymentlösungen geben: Pay-per-view, Abomodelle, usw.

So ganz abwegig klingt die Prognose also nicht mehr, die davon ausgeht, dass in Zukunft die Mehrheit der Onlineinhalte aus Video besteht. Da ist es verständlich, dass Printmedien wie die F.A.Z. mit diesem Format liebäugeln und beginnen zu experimentieren.


P.S.: Ich hatte zunächst vor, der F.A.Z. zum Thema Periscope ein paar Fragen zu mailen. Da mir Andreas Krobok aber mitteilte, ich solle mich und das „Experiment“ nicht so ernst nehmen, habe ich darauf verzichtet. Denn obwohl ich den Periscope-Stream der F.A.Z. als Anlass nehme, geht es mir bei diesem Thema doch eher um allgemeinere Fragen und Antworten.


UPDATE am 01.07.2015, 12:00 Uhr: Während andere noch experimentieren nimmt man bei Axel Springer den Videojournalismus richtig ernst: Mit professioneller Grafik und Untertitelung, damit man auch ohne Ton schauen kann. Einen ersten Check gibt’s bei MEEDIA.

UPDATE am 01.07.2015, 12:05 Uhr: Für diesen Blogpost war ich übrigens – wie schon andere vor mir erfolglos auf der Suche nach journalistischen und ethischen Leitlinien von Rundfunkredaktionen, die im Internet öffentlich zugänglich sind. Während man bei der BBC eine ganze Microsite „Editorial Guidelines“ findet, liest sich der Konterpart beim ZDF wie Marketing in eigener Sache: „Effektivität bedeutet, Personal und Gebührengelder zielorientiert und verantwortlich einzusetzen (…) Das ZDF ist ein attraktiver Arbeitgeber“. Und bei der ARD findet man nur nichtssagende Berichte und ein PDF mit „Qualitätskriterien“, in dem einfach nur einzelne Begriffe auflistet werden. Hinweise auf vorbildliche Leitlinien aus Rundfunkredaktionen nehme ich deshalb gerne per Email entgegen. Vielen Dank schonmal im Voraus. :)

Wie Medien vergessen, ihre eigene Rolle in der politischen Inszenierung zu hinterfragen

Es ist nicht neu, dass sich Medien für die politische Inszenierung vereinnahmen lassen und vergessen, ihre Rolle dabei zu hinterfragen. Beim Besuch der Queen in Deutschland wurde nun aber erneut deutlich, dass hierfür das nötige Bewusstsein fehlt.

Wer Florian Gathmann auf Twitter folgt, war über den Besuch der Queen bestens informiert. So lernte man alles über den Rasen…

…das Ein- und Aussteigen…

…und das Posieren für Fotos:

Doch die wirklich wichtigen Details erfuhr man erst heute morgen, als Gathmann ausführlich über seine gestrige Teilnahme am Staatsbankett berichtete. Als Teil einer ganzen Menge „sehr festlich gekleideter Menschen“ saß er „unter den vier Kronleuchtern im Großen Saal von Bellevue“. Das Vier-Gänge-Menü war „vorzüglich im Schloss, vor allem der Nachtisch“. Und „auch die musikalischen Einlagen überzeugten.“

Gelegenheit für kritische Fragen? Zum Beispiel zum Streit um die Flüchtlingsquote oder das EU-Referendum in Großbritannien? Immerhin war ja auch der englische Premier David Cameron anwesend. „Leider saß“ der Parlamentskorrespondent von SPIEGEL ONLINE „dann doch ein ganzes Stück entfernt“. Aufstehen konnte man ja nicht. Sie wissen schon: die Protokolle. An die müssen sich auch die Medien halten. Nicht auszudenken, wenn die Presse die politische Inszenierung durchbrechen und ihren zugewiesenen Platz verlassen würde.

Nun ist es wichtig, dass Medien solchen Ereignissen beiwohnen und die Geschehnisse dokumentieren. Doch wenn man keinerlei Gelegenheit für kritische Fragen und eine richtige journalistische Arbeit bekommt, wäre es dann nicht besser, aus der politischen Inszenierung auszubrechen und die Einladung zu einem Staatsbankett auszuschlagen?


Und es kommt noch schlimmer: In einem weiteren Artikel zum Queen-Besuch sieht es SPIEGEL ONLINE als seine journalistische Pflicht, ein offizielles Video der Bundesregierung nachzuerzählen. „Angela Merkel – rosa Blazer, schwarze Hose“ gäbe darin „die treusorgende Gastgeberin“. Die Szenen, so Autor Ansgar Siemens, hätten „einen ganz eigenen Charme“.

Der einzige weiterführende Link mit mehr Informationen: Der Tweet von Regierungssprecher Steffen Seibert mit dem offiziellen Video. Bereitgestellt vom gut bezahlten Social-Media-Team der Bundesregierung.

Doch diesem Link muss man gar nicht folgen. Denn damit sich jeder vom „Charme“ der Szenen überzeugen kann, ist das Video selbstverständlich auch auf SPIEGEL Online abrufbar. Aber natürlich ist hier eine 15-sekündige Werbung vorgeschaltet. Qualitätsjournalismus gibt es ja schließlich nicht umsonst.


In der Zwischenzeit reist die Queen weiter von Berlin nach Frankfurt. Der Römer ist bereits „abgesperrt, erste Fans sichern sich die besten Plätze“:

Unter den Fans auch hier: Journalisten.


UPDATE am 25.06.2015, 11:55 Uhr: Florian Gathmann ist während dem Bankett wohl doch aufgestanden und hat das Gespräch mit der Queen gesucht. Jedoch leider erfolglos: „Ich hätte ihr dafür auch gerne noch einmal persönlich meine Hochachtung ausgesprochen, aber irgendwie kam ich einfach nicht mehr an sie ran. Erst verwickelte sie der Hausherr auf dem Sofa in ein Gespräch, dann der Bundesaußenminister – und dann war es elf und alles schon vorbei.“

UPDATE am 25.06.2015, 12:00 Uhr: Auf SPIEGEL ONLINE gibt es einen anderen Artikel, der tatsächlich einige politische Äußerungen enthält, die während dem Bankett gefallen sind. Alle Zitate stammen jedoch aus einer DPA-Meldung, die auch unzählige andere Medien veröffentlichten, und sind anscheinend nicht das Ergebnis einer Arbeit der SPIEGEL-ONLINE-Redakteure vor Ort.

UPDATE am 25.06.2015, 14:00 Uhr: Rückblickend muss ich gestehen, dass mir die Überschrift zu allgemein geraten ist. Auch im Text spreche ich zu oft von „den Medien“, wenn ich doch im konkreten Fall nur SPIEGEL ONLINE meine. Ursprünglich hatte ich vor, noch weitere Medien zu erwähnen. Ich werde aber versuchen, das hier in den Updates noch zu ergänzen.

UPDATE am 25.06.2015, 22:45 Uhr: Etwas reflektierender berichtete Jörgen Camrath von der Berliner Morgenpost, der auch mal einen Schwenk auf die versammelte Presse wagte und sich selbst beim Filmen fotografierte.

UPDATE am 25.06.2015, 22:50 Uhr: Wann man als Journalist der Queen winken darf und wann nicht, erläuterte die F.A.Z. heute in Ihrem Periscope-Livestream. Meine „Live“-Medienkritik davon finden Sie hier: [von mir gelöscht]

UPDATE am 28.06.2015, 16:00 Uhr: In einem weiteren Blogpost habe ich mich ausführlich mit dem „Winkejournalismus“ der F.A.Z. beschäftigt: Ein Periscope-Experiment, das Fragen aufwirft.

UPDATE am 02.07.2015, 9:30 Uhr: Das Video aus dem Kanzleramt hatten auch noch andere Medien unkritisch übernommen, z.B. FOCUS Online und die Stuttgarter Nachrichten. Die Münchner Abendzeitung spricht von einem „netten Facebook-Video“ und die Hamburger Morgenpost war ganz begeistert von Kanzlerin Merkels „seltenen Kostproben ihres Englischs – mit leicht ostdeutschem Akzent. Charmant und warmherzig klingt das.“ Die WAZ lässt sogar unter den Tisch fallen, dass es sich um eine offizielle Aufnahme der Bundesregierung handelt, und spricht nur allgemein von einem „Twitter-Video“.

„In der Vergangenheit musste die Bundesregierung immer darauf hoffen, dass Journalisten ihre Sicht der Dinge transportieren“, schreibt Daniel Bouhs über die „Polit-Imagepflege“ der Bundesregierung. Beim Blick auf die zunehmende Häufigkeit von Quellenangaben wie „Foto: Facebook/Bundesregierung“ bekommt man jedoch mittlerweile den Eindruck, dass viele Medien nicht mehr kritisch sondern im Gegenteil dankbar den offiziellen Kanälen der Bundesregierung gegenüberstehen.

Die Social-Media-Strategie des Kanzleramts scheint voll aufzugehen.

Was traditionelle Medien verlieren, wenn sie die Persönlichkeitsrechte von Tatverdächtigen respektieren…

Führende Medienvertreter werden nicht müde zu betonen, dass es für ihre Berichtstattung über das Unglück von Germanwings 4U9525 notwendig sei, den vollen Namen und private Bilder des Kopiloten zu zeigen:

Kai Diekmann und Julian Reichelt, BILD:

Wir glauben auch, dass es richtig ist, den Täter Andreas ▇▇▇▇▇ zu zeigen. […] Zu wissen, wer für das Verbrechen verantwortlich ist, welcher Mensch die Tat begangen hat, ist essentiell für die historische und emotionale Aufarbeitung.

Mathias Müller von Blumencron, FAZ:

Die Lösung ist nach gegenwärtigem Stand nur in der Person des Kopiloten zu finden. Wir müssen uns mit ihm beschäftigen, wir müssen ihn ansehen, wir dürfen ihn sehen.

Aber stimmt das? Ist das wirklich „essentiell“ für die Berichterstattung? Was würden die Medien denn hier im konkreten Fall verlieren, wenn Sie die Persönlichkeitsrechte von Tatverdächtigen respektieren und auf die Nennung von privaten Details verzichten würden?

Es stellt sich heraus: Nicht viel.

Ich habe einmal zwei aktuelle FAZ-Artikel bearbeitet, die sich ausführlich mit Andreas L. beschäftigen:

Anonymisierter FAZ-Artikel (1) Anonymisierter FAZ-Artikel (2)

(Auf eine vollständige Artikeldarstellung habe ich verzichtet, um im Rahmen des Zitatrechts zu bleiben)

Man sieht, dass nicht viel verloren geht, wenn man alle identifizierenden Merkmale von Andreas L. aus den Artikeln entfernt.  Die Texte sind weiterhin gut lesbar und enthalten alle relevanten Informationen. Keine der Aussagen wird verändert. Die Autoren können auch bei Wahrung der Persönlichkeitsrechte munter spekulieren und ausführlich berichten.

Im Grunde müssten Medien wie die FAZ einfach nur die Namen abkürzen und auf die Veröffentlichung von privaten Facebook-Bildern verzichten.

Ist das wirklich zu viel verlangt?

(Dieser Artikel ist Teil einer Reihe, in der ich mich mit dem journalistischen Berufsethos und dem Pressekodex vor dem Hintergrund des Unglücks von Germanwings 4U9525 beschäftige.)

Wenn etablierte Medien sich vom journalistischen Berufsethos verabschieden, er von den Lesern aber noch eingefordert wird…

TLDR: Im Fall des tatverdächtigten Kopiloten vom Flug Germanwings 4U9525 verabschieben sich reihenweise alle etablierten deutschen Medien vom journalistischen Berufsethos. Ihre Begründungen dafür sind sehr schwach und überzeugen die meisten Leser nicht.

So rechtfertige gestern auch Mathias Müller von Blumencron in einem zweiseitigen Artikel die Entscheidung der FAZ, den Kopiloten bereits drei Tage nach dem Unglück als Täter zu behandeln und ihm alle Persönlichkeitsrechte abzuerkennen.

Denn für Blumenkron ist klar:

Andreas ▇▇▇▇▇ ist der Mann, der 149 Menschen und sich selbst in den Tod gerissen hat. […] Er hat sie verursacht – das steht laut den Ermittlern fest.

Hmm. Haben die Ermittler das wirklich so klar dargestellt? Gab es da keine relativierenden Worte? Äußerungen, die darauf hindeuten, dass auch andere Erklärungen möglich sind? Hinweise darauf, dass es sinnvoll wäre, erstmal die weiteren Ermittlungen abzuwarten, bevor man ein abschließendes Urteil spricht?

Der französische Staatsanwalt Brice Robin in seiner Pressekonferenz am 26.03.2015:

„Unsere wohl plausibelste Deutung geht dahin, dass […].“

„Das Verhalten des Co-Piloten könne man so werten , dass […].“

„Nach den derzeitigen Ermittlungen gebe es keinen Hinweis auf […].

Das klingt mir aber nicht danach, das alles klar ist. Eher danach, dass hier ein Staatsanwalt eine erste eigene Interpretation bekannt gibt auf Basis der aktuellen Ermittlungen. 48 Stunden nach dem Unglück.

Wurden denn überhaupt schon alle entscheidenden Beweise berücksichtigt?

Der zweite Flugschreiber sei noch nicht gefunden.

Oh.


Wäre es hier nicht angebracht, etwas zurückhaltender zu berichten, Herr Blumencron? Es kommt mir so vor, als stünden die Ermittlungen erst am Anfang, wären wichtige Beweismittel noch gar nicht ausgewertet.

Blumenkron:

Von dieser Faktenlage müssen wir im Moment ausgehen. […] Die Lösung ist nach gegenwärtigem Stand nur in der Person des Kopiloten zu finden.

Sie sagen es doch selbst: „Faktenlage“, „gegenwärtige[r] Stand“.

Wenn ein Tatverdächtiger bereits zwei Tage nach der Tat von den Medien als Täter bezeichnet wird, obwohl die Ermittlungen erst begonnen haben, und wichtige Beweismittel wie der Flugdatenschreiber überhaupt noch gar nicht vorliegen, hätte das nicht bedenkliche Folgen?

Blumenkron:

Wer bei Google den Allerweltsnamen Andreas eingibt, erhält schon in der Vorschlagsfunktion nahezu alle wichtigen persönlichen Parameter des Kopiloten der Germanwings-Maschine: Nachname, Wohnort, Beruf.

Haben Sie das jetzt im Ernst geschrieben? Völlig unkritisch? Völlig unreflektiert? Als wäre es eine Selbstverständlichkeit?

Ist es nicht beängstigend, dass Andreas L. bereits für alle als Täter feststeht und alle persönlichen Details öffentlich verfügbar sind? Haben Medien hier nicht die Pflicht zu hinterfragen, wieviel sie selbst zu solch einer Vorverurteilung beitragen und ob das moralisch vertretbar ist?

Blumencron:

Wer es ernst meint mit seinem Job in dieser Branche, der hat die Pflicht zur Aufklärung. Nicht nur bei Unglücken, sondern auch bei jedem anderen relevanten Vorfall. Die Presse, und dazu gehören alle, die mit ernsthaftem Anspruch in diesem Bereich tätig sind, ob Blogger oder Redakteure, ist ein riesiges Unternehmen Aufklärung.

Pflicht zur Aufklärung. Ja. Aber um jeden Preis? Müssen nicht immer auch ethische Gesichtpunkte berücksichtigt werden? Haben Journalisten denn keinen Berufsethos, keinen Kodex, der eine journalistische Sorgfalt einfordert, der Grundsätze für die Achtung der Menschenwürde und den Schutz der Persönlichkeit definiert? Grundsätze, die in der täglichen Praxis von der Presse eingehalten werden sollten?

Zumindest ihre Leser scheinen diese Grundsätze nicht vergessen zu haben:

Henrik Braun:

[…] Falls seine Schuld einwandfrei bewiesen ist, dann sollten persoenliche Daten (z.B. Nachname) zugaenglich gemacht werden – vorher nicht. Noch sollte die Unschuldsvermutung gelten.

Peggy Sodtke:

[…] Ich kann verstehen, dass die Bevölkerung nach einer schnellen Erklärung dürstete. Aber wir sollten hier nicht vergessen, dass noch kein abschließender, vollumfänglicher Bericht hierzu vorliegt, in dem sämtliche Aspekte beleuchtet wurden. Stattdessen schlachtet die Presse (und leider auch die FAZ) den Namen, die Herkunft, etwaige Privatheiten des Copiloten aus und eröffnet so die Jagd auf den „Falschfahrer“. Und solch eine Jagd lässt sich besser vorantreiben, wenn jeder das Gesicht des Copiloten kennt. Aber weiß man dann wirklich mehr? […]

H.S. Teha:

[…] Die Würde eines Menschen ist unantastbar, egal wer das ist, und was er getan hat. Ausserdem liegen nur Meinungen eines Staatsanwaltes vor. Die BEA hat diese Interpretationen bisher nicht bestätigt, noch entsprechende Beweise vorgelegt. […]

Felix Palmen:

[…] Was ich gar nicht verstehe ist die Behauptung, man sei das „den Opfern schuldig“. Inwiefern hilft es denn den Opfern? Was genau ist relevant daran, dass alle Welt Namen und Aussehen kennt? […]

Lars Tragl:

[…] Welche gesicherten Quellen für die Täterschaft des Copiloten gibt es denn noch, außer der Aussage eines französischen Staatsanwalts? Wenn denn alles so glasklar auf der Hand liegt, warum gibt es kein Transkript der Voicerecorderaufzeichnungen? Mir ist das bei aller Offensichtlichkeit zu schnell zu eindeutig. […]

Josef Lehmen:

[…] Zum jetzigen Wissensstand finde ich die Veröffentlichung der Bilder und des Namen des Co-Piloten als unverschämt. Wie steht die Presse denn da, wenn sich aus irgendwelchen Gründen auch immer herausstellt, dass der Pilot keinen Suizid begangen hat?

(Zitate von der ersten von insgesamt zehn Kommentarseiten unter dem Artikel)

Insgesamt eine interessante Diskussion, die sich zu führen lohnt. Mit Journalisten, aber auch mit Lesern. Zum Beispiel in den Kommentaren unter Blumencrons Artikel:

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden

Oh.

Hinweis: Der Nachname von Andreas L. wurde von mir unkenntlich gemacht. In einem ausführlichen Artikel erkläre ich mit Hinweis auf den Pressekodex, warum die Persönlichkeitsrechte von Andreas L. weiterhin geschützt werden müssen.